Dienstag, 06.02.2018

Alles hat ein Ende...

 

...auch mein FSJ...

 

Liebe Leser,

die meisten von euch wissen es vermutlich schon: Meine Zeit in Tanguiéta ist vorbei!

Ich habe meine Koffer größtenteils gepackt (ich mach das gerne, bevor der Abreisestress kommt), die Mädels im Atelier fragen jeden Tag wieder mit großen Augen „und Sie wollen wirklich gehen? So richtig, nicht nur in den Urlaub fahren?“, heute muss ich meiner Mentorin Ursula Aufwiedersehen sagen.

Das läutet für mich den Anfang vom Ende einer wunderschönen Zeit ein. Ich werde mit Yari, meiner ehemaligen Mitfreiwilligen von der ihr auch schon viel gehört habt, noch einige schöne Tage im Süden verbringen, in Pobè, bei Freunden in Cotonou und Porto Novo und am wunderschönen Strand von Grand-popo, bevor ich in den Flieger steige und all die liebgewonnenen Menschen und Gewohnheiten hinter mir lasse.

Eins möchte ich aber noch beibehalten: Meinen Blog werde ich vorerst noch nicht schließen. Ich habe beschlossen, mein FSJ und meine Zeit hier erst Ende April, nach dem Ende meines Zwischenseminars als ganz zuende zu sehen. Bis dahin möchte ich noch Einiges mit euch teilen, wozu man entweder Abstand oder ein paar recherchierte Daten braucht, oder Themen, die mir schon lange im Kopf herum geschwirrt sind, für die sich aber nie ein Aufhänger zu einem Blogeintrag bot. Und natürlich auch die vielen schönen und schwierigen Momente in der Abschlussphase...

Bis ich in zwei Wochen wieder deutschen Boden unter den Füßen habe, werdet ihr also erstmal nichts von mir hören, aber es würde mich freuen, wenn ihr mich dann in der ersten Zeit daheim wieder begleiten würdet!

Liebe Grüße und bis bald!

Eure Anuschka

 

 

Mittwoch, 24.01.2018

Ich glaub mein Harmattan pfeift!

 

Vor ein paar Wochen hat's angefangen und es wird immer schlimmer. Nein, ich meine nicht das Aufwiederseh'n-sagen, das beginnt auch schon und wird immer schlimmer, aber da will ich gar nicht drüber nachdenken! Ich meine den Harmattan.

Der Harmattan ist ein Wüstenwind, der den Norden Benins und die Nachbarländer zwischen Anfang Dezember und Februar heimsucht. In Deutschland habe ich vielleicht schon mal davon gehört, da fand Klein-Anuschka auf dem Weg in die Grundschule überall roten Sand auf den Autos. Und ganz Dunkel erinnert sie sich an das Wort Harmattan...

In Südbenin stöhnt man natürlich auch über ihn: Morgens wird’s ein bisschen frisch, manchmal ist die Sonne von einer Staubschicht verhangen. Ich dachte mir also nichts böses, als die Leute hier sagten, jetzt geht ja schon wieder der Harmathan los. Und dann fuhren wir eine Woche in den Urlaub und waren so dumm, die Fensterläden nicht zu schließen. (In Benin haben die wenigsten Häuser Glasfenster, meistens wird einfach ein Loch in der Mauer gelassen, dass mit Fliegengitter und Metalllamellen geschlossen wird, so dass man Mücken und unerwünschte Blicke aussperren kann, aber keine Geräusche oder Temperaturen... oder eben den Harmattan) Als wir ankamen, war alles voller Sand! Der Harmattan hatte uns als Willkommensgeschenk eine zentimeterdicke Staubschicht bereitgelegt.

Da begann es dann auch, dass unsere Nächte sakrisch kalt wurden. Statt wie immer im Top und ohne Decke, schliefen wir jetzt mit Socken, langen Hosen und T-Shirt unter mehreren Pagnes. Morgens war es dann trotzdem noch ein harter Kampf mit dem inneren Schweinehund, sich aus den Pagnes zu schälen – der nächste Pulli war immer zu weit weg. Auch die Kälte hat irgendwie der Harmattan aus der Wüste mitgebracht: In dem er jede Nacht wütend um die Häuser pfeift,vertreibt er die Wolken und die tagsüber angestaute Hitze bleibt nicht, sondern verflüchtigt sich ungestört zurück in den Himmel. Ein kleiner Trost dabei ist allerdings, dass wir dadurch auch wunderschöne Sternenhimmel genießen. Ich war noch nie in der Wüste, aber man sagt den dortigen Sternenhimmeln ja nach die schönsten auf der Welt zu sein – gegen die Sternenpracht, die wir in Tanguiéta zur Zeit so oft sehen dürfen, müssen die sich dann aber echt anstregen!

Wenn man sich dann morgens mit seiner dicken Jacke aus dem Haus traut, sollte man seinen Pagne gut gebunden haben, denn der Harmattan ist noch nicht verschwunden. Er pfeift zwar nicht mehr durchgehend, aber doch in schöner Regelmäßigkeit kommt eine Böhe, die uns die Tafeln um und die Pagne weg weht. Da wir draußen im sandigen Hof unterrichten, passiert es ab und an, dass wir nicht schnell genug reagieren und beim Reden Sand in Mund und Nase bekommen. Das, in Kombination mit der Kühle, bekommt dem Hals natürlich gar nicht gut. So sind Schnupfen und Halskratzen gerade das Leiden, dass uns alle vereint, auch wenn es bei uns dank ganz viel Ingwerwasser wieder aufwärts geht. Als die Mädchen kurz nach Silvester wiederkamen, hatten einige auf den Dörfern, wo der Wind noch ungehinderter und unbarmherziger durch die wenigen Häuser pfeift, ihre Stimmen verloren.

Nicht nur der Hals leidet, sondern auch die Haut wird spröde und rau. Doro und ich haben zu spät begonnen, uns einzucremen und laufen jetzt mit Rissen in den Fersen durch die Gegend. Auch die Fußoberseite ist so rau, dass der Staub schön festbappt und man ohne einen ordentlichen Schwamm gar nicht mehr sauber wird. (Es sollen schon Freiwillige zu Stahlbürsten gegriffen haben...)

Auf der Straße siehst du die allgegenwärtigen Plastiktüten durch die Lüfte wehen und die Leute gebeugt durch die Gegend laufen, das Gesicht schützend in die erhobenen Armbeugen gelegt. Oder ich halte mit meinen Schaal vor die Nase, manchmal sogar vor die Augen. Gerade haben die Burka-Frauen eindeutig die Nase vorn!

Aber wir wollen ja nicht jammern, es geht auch schon wieder vorbei. Die Winde legen sich immer früher, schon in den Morgenstunden und nicht mehr gegen Mittag. Und als wir heute auf den Markt gingen, spürten wir schon nach den ersten Schritten, wie die Sonne unsere Haut verbrannte. Das ist doch schön zu wissen, jetzt verlässt uns der Harmattan endlich!
Um Platz für die sengende Hitze von Februar bis Mai zu machen.

 

PS: Wind kann man leider nicht fotografieren und unsere Füße wollt ihr nicht sehen...

 

Freitag, 19.01.2018

tierisch viel los...

In den letzten Tagen war wirklich immer was los: Wir hatten Besuch von einer Darmverstimmung, haben mit den Mädels zufällig das Festival von Monte Carlo im Fernsehn gesehen, waren in Taiacou -einem Dorf in der Nähe-, waren mit der Kirchenjugend Picknicken, unterrichten und hatten ganz nebenbei alle Beide Geburtstag.

Witzigerweise ist Dorothea nur zwei Tage älter als ich, so dass wir beschlossen, am dazwischenliegenden 17. Januar zu feiern, praktisch als „Tag des Altersunterschieds“. An dem Tag feierten wir recht beninisch: Wir hatten im Atelier Lollis dabei, die wir verteilten. Denn in Benin – wo gar nicht jeder sein Geburtsdatum kennt – beschenkt das Geburtstagskind seine Freunde, Nachbarn, Bekannte und alle, die zufällig vorbeikommen, mit Essen, damit die sich mit ihm freuen. Eigentlich ein einleuchtendes Konzept, aber doch ein bisschen gewöhnungsbedürftig als Deutsche. Glücklicherweise haben wir ja einander und unsere beiden Mitfreiwilligen Vita und Miriam, um uns doch ein bisschen zu verwöhnen: Erst ich die Doro, Mittwochs einander gegenseitig mit gutem deutschem Essen (von Kartoffeln bis Pudding) und dann am Donnerstag Doro mich. Und zwar mit dem tollsten Geschenk überhaupt: Sie hat mir ein Ferkelchen geschenkt!
Jedes Mal, wenn uns auf dem Weg zum Hof ein kleines Ferkelchen über den Weg läuft, denke ich mir „ohnein, wie süß! So eins will ich auch!“. Darüber habe ich mich mit Doro neulich mal unterhalten, und darüber ob wir nicht wirklich eines als Biomüllverwerter halten könnten. Die Nachbarn haben ja auch Hühner... Doro war natürlich dagegen, und so bekam ich jetzt meinen Ersatz:

<3

Aus Papier, aber nicht weniger süß...

Als ich dann im Unterricht da saß und darauf wartete, dass meine Schüler ihren Text abschreiben, fiel mir zum ersten Mal bewusst auf, wie viele Tiere in Tanguiéta eigentlich so unterwegs sind. Ich zeig's euch mal:

Morgens, wenn der Muhezin ruft, dann stimmen sie ein – nur weniger melodisch und leider hören sie auch den ganzen Tag nicht wieder auf damit: Die Hähne und Hennen Tanguiétas.

Cocoricoooo!

Wer hat sich denn da hinter der fleißigen Dorcas versteckt? Ein Esel?

bon travail, Dorcas!

Nein, zwei Esel und ein Haufen Ziegen...

Schafe findet man auch überall!

So schauen süße Ferkel irgendwann aus, wenn sie nicht mehr süß sind!

Kühe sind relativ selten in Benin, aber hier am nördlichsten Zipfel leben die Pöll: Ein Normadenvolk, dass zum größten Teil aus Kuhhirten besteht und den einzigen einheimischen Käse produziert.

Krabben findet man am Strand zu tausenden, aber die sind so wuselig, dass man sie nicht fotografieren kann. Da halten die hier schöner still!

Im Park findet man natürlich noch mehr Tiere, von den Affen, die uns ja auch schon außerhalb begegnet sind, über Krokodile und Löwen, bis hin zu Elefanten.

mein Lieblings-Safaribild

Natürlich läuft man auch (meistens ziemlich abgemagerten) Hunden über den Weg, die als Wachhunde gehalten werden, ihr erinnert euch vielleicht an die Katze, die uns am Anfang besuchen kam. Neben den normalen Hühnern laufen einem Perlhühner durch die Füße und sein Häusschen muss man mit einer kleinen Armee von Kakerlaken, Heuschrecken, Faltern, Mücken und Mäusen teilen.
Und gerade eben, auf dem Weg ins Internetcafé wurde ich von zwei Tuareq auf Dromedaren überholt. Die sind ziemlich beeindruckend groß, diese Tiere! Natürlich habe ich sie nicht fotografiert, schließlich weiß ich inzwischen, dass es ein dummes Gefühl ist, auf der Straße begafft und ungewollt fotografiert zu werden... 

Ihr seht also: tierisch viel los hier, zur Zeit und deshalb müsst ihr euch bitte noch eine Woche gedulden, bis ihr wieder einen richtigen Blogeintrag bekommt...

Dienstag, 09.01.2018

"Et les fêtes?" "On est dedans!"

Wenn man hier in Tanguiéta in den letzten Tagen die Ohren spitzt, bekommt man diese Konversation oft zu hören. Statt den üblichen Grußfloskeln (Wie geht’s zuhause/ auf der Arbeit/den Kindern/ mit dem Wetter?) wird zur Zeit gefragt: „Und die Festtage?“ Ich antworte dann immer voller Inbrunst „Oh, on est dedans, hé!“ (Na, mir san mittendrin!) Und damit habe ich absolut recht...

...die ersten leisen Grüße des Weihnachtsfests erreichten uns Ende November: Im Quidatta, dem örtlichen Supermarkt, stießen wir auf der Suche nach Balsamicoessig plötzlich auf Spekulatius.

So richtig auffällig, dass die Feiertage kommen, wurde es, als wir am Morgen nach unserer Südreise im Atelier standen und niemand Zeit für uns hatte. Alle Mädchen waren beschäftigt und so kehrten wir wieder um, um unser Haus von oben bis unten zu entstauben und zu putzen. Da man nicht eine Woche lang putzen kann, so sehr wir uns auch Mühe gaben, saßen wir die restlichen Vormittage doch noch im Atelier, um die Mädels abzufangen, die noch nicht so viel schneidern können, dass sie durchgehend beschäftigt waren und mit ihnen ein bisschen zu lesen. Die Älteren ließen wir arbeiten, denn je näher die Festtage kommen, desto länger rattern die Nähmaschinen. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Mädchen gar nicht heimgehen, sondern die Nacht durch nähen. Vor allem, wenn sie sich ein kleines Taschengeld verdienen und eigene Aufträge annehmen, denn um die nähen zu dürfen müssen sie erst einmal die Arbeit für's Atelier schaffen.

Wir hatten also nicht soo viel zu tun, und da nutzte ich doch gleich mal die Gelegenheit, um mir die Haare einflechten zu lassen. Ich war mir ja im Nachhinein nicht mehr ganz sicher, ob ich meine blauen und roten Mesh nicht in einem ziemlich heftigen Anfall von Geschmacksverwirrung gekauft habe, aber es gefällt mir eigentlich ziemlich gut und ich werden alle Nase lang darauf angesprochen. (Was mir meistens besser gefällt als Doro, weil die sich dann jedes Mal verteidigen muss, warum sie sich nichts flechten lassen hat) Mit den neuen Zöpfchen war ich jetzt offiziell bereit zum Feiern!

Vita und ich - jolies, jolies! mit unseren neuen Haaren

Am 23. buken wir Plätzchen und damit konnte nun wirklich nichts mehr schiefgehen für Weihnachten...

In der Weihnachtsbäckerei...

Am 24. Dezember haben wir eigentlich ziemlich so gefeiert, wie ich es aus Deutschland kenne: Am frühen Nachmittag gab's Tee und Plätzchen, wir schmückten den Weihnachtsbaum, dann schnabbulierten wir ein großes Festessen mit der ganzen Familie und ganz am Schluss gingen wir gemeinsam in die Christmette. Ach, und Schnee hatten wir auch...

Plätzchen, Spekulatius und Schnee... den Weihnachtsbaum kennt ihr ja schon ;)

Na gut, das ist nur die halbe Wahrheit. Natürlich hat man gemerkt, dass wir nicht zu hause waren, alleine schon, weil es über 35 Grad hatte, ich im Boumba, dem traditionellen Wickelgewand gefeiert habe und der Schnee leider nur in meiner Schneekugel existiert hat. (Vielen Dank nochmal für das geniale Geschenk letztes Jahr, Tante Irene!) Es gab zwar echte Plätzchen, Spekulatius und Weihnachtslieder, aber wir saßen am Boden bei Vita und Miriam herum und losten Arbeitsteams: Doro und Miri zogen auf den Markt, während Vita und ich zu uns gingen, und den Weihnachtsbaum schmückten- Verzeihung: an die Wand malten.

Dann wurde zu Afrobeat fleißig geschnibbelt, wobei ich mich doch ein halbes Stündchen aus dem Haus schleichen konnte, um mit meinen Eltern zu telefonieren. Die Whatsapp-Verbindung war grauenhaft, aber glücklich sie zu hören war ich trotzdem, auch mit drei Minuten Zeitverzögerung. Die festlichen Nudeln mit Erdnuss-Spinat-Soße mit Käse und Salat teilte ich dann mit meiner kleinen Ersatzfamilie, meinen „Schwestern“ Doro, Vita und Miriam. Es war eine lustige Runde, ich wär' auch noch ein paar Stunden sitzen geblieben. Aber nein, das ging nicht: Kirche ruft!

Erstmal aber nicht in die Mette, sondern in den Bunten Abend der AssembléedeDieu-Jugend. Wir kamen ein bisschen zu spät und hätten damit beinahe den besten Teil verpasst: Grâce, eine Freundin von uns mit einer wunderschönen Stimme, stand vorne auf der Erhöhung und sang, die Band wütete an zwei Tamtams, Schlagzeug, Klavier und Bassgitarre und die Gemeinde sang, jubelte und tanzte – wie auf einem Rockkonzert! Wir mischten uns ganz hinten in die Gemeinde, ich war Feuer und Flamme und ging mit ab. Allerdings nur kurz, denn da war der Lobpreisteil auch schon vorbei und Grâce gab das Mikro ab an den Vorsitzend der Jeunesse. Der führte eher langweilig durch die verschiedenen Auftritte: Ein Krippenspiel, bei dem die Weihnachtsgeschichte einfach nur erzählt wurde, ein schüchterner Chor, ein Tanzauftritt, bei dem die Musik abbrach und Karaoke mit dem richtigen Lied und nicht der Karaokeversion... Wir blieben nicht bis zum Ende, sondern schlichen uns heimlich – oder so unauffällig, wie 4 Weiße in Benin sein können - 'raus und liefen zur katholischen Kirche, vorbei an etwas, das ein muslimisches Weihnachtsfest zu sein schien (Sachen gibt’s...) und der Kneipe, die laut Weihnachtslieder spielte...

In der Mette kam mir das Krippenspiel deutlich bekannter vor, nur dass hier der Chor der Hirten auch tatsächlich ziemlich gut gesungen hat. Leider taufen die Tanguiétaner aber ihre Neugeborenen an Weihnachten und so zog sich das Ganze ewig hin. Irgendwann um kurz vor Mitternacht schlief das achtjährige Mädchen neben mir ein und kippte auf meine Schulter, so dass ich den Rest der Messe nicht mehr richtig mitmachen konnte. Wir waren zwar auch nicht mehr ganz wach, aber als wir um kurz vor zwei nach Hause kamen, fielen wir trotzdem erst mal über die übrigen Nudeln her, quatschten, bauten Bockmist und machten Bilder unter'm Weihnachtsbaum...

 

Wer gut aufgepasst hat, hat bemerkt, dass bis jetzt noch gar keine Beniner vorkamen und auch keine Geschenke. Das liegt daran, dass in Benin wie in den meisten französisch geprägten Ländern erst am 25. 12. gefeiert wird. Wir hatten natürlich nichts dagegen, nochmal mit zu feiern und begannen den Tag mit gemütlichem Ausschlafen und einem festlichen Mittagessen im Atelier: Bild

So richtig weihnachtlich wurde es dann aber erst Abends, als wir bei unserer Mentorin Ursula und ihrem Mann Karl eingeladen waren: Wir aßen heimatliches Essen, saßen um einen kleinen Christbaum herum und sangen vor der Bescherung Weihnachtslieder. Es wurde richtig besinnlich...

 

So groß wie wir hat kein anderer Weihnachten gefeiert, denn die Beniner sehen Weihnachten als Fest der Kinder. Die bekommen neue Kleider und Süßigkeiten, aber selbst im Weihnachtsgottesdienst der AssembléedeDieu kam Weihnachten fast nicht zur Sprache. Um so größer und ungeduldig erwartet war dagegen Silvester:

Unser Silvester feierten wir mit meinen beiden Nachfreiwilligen aus Pobè, Ellen und Mareike. Für uns war eher ihre Ankunft etwas besonderes, das Silvesterfest hat mir persönlich nicht viel bedeutet. (Besonders war außerdem unser Silvesterspaziergang: Wir sind wilden Affen begegnet! Was für ein toller Abschluss für 2017!)

Ihr glaubt`s nicht, Leute, heut hab ich ganz komische Menschen gesehen! Die waren weiß! und gleich vier auf einmal! Sachen gibt`s...

Den Beninern bedeutet Silvester aber schon eine ganze Menge. Immer noch surrten rund um die Uhr die Nähmaschinen, damit jeder Tanguiétaner am Neujahrstag gut angezogen in das neue Jahr starten konnte. Gefühlt die Hälfte der Tierpopulation Tanguiétas musste dran glauben, so viele Festtagsbraten sahen wir über Silvester. Ich war langsam doch von der allgemeinen Vorfreude angesteckt und gespannt auf das nächtliche Silvesterfest. Ja klar, natürlich waren wir wieder in der Kirche...

Diesmal wurde anständig getanzt, die ganze Kirche war in Bewegung, am Klatschen und am Singen und Doro und ich waren ganz hinten im Eck super glücklich, dass uns niemand sehen konnte und ließen uns anstecken: Wir tanzten wie die Teufel (und das in der Kirche!). Dabei waren wir so beschäftigt, dass wir glaubhaft so tun konnten, als würden wir nicht merken, dass die späteren Lieder eigentlich als Begleitung für verschiedene Kollekten gespielt wurden und man vortanzen hätte sollen, um Geld zu spenden. Doro hatte mir erzählt, dass letztes Jahr nach einander alle Ethnien oder größeren Familienclans vorgekommen waren, musiziert hatten und dann gemeinsam gespendet. Ich freute mich also auf einen Abend voller Musik und Tanz und guter Stimmung und war ziemlich enttäuscht, als plötzlich die Predigt begann. Ich war zugegebenermaßen sehr abgelenkt und weiß nicht mehr worum es ging, sondern nur noch, dass Vita vom anderen Ende der Bank irgendwann begann uns mit den Fingern einen Countdown durchzugeben: Noch 9 Minuten...noch 8... und schließlich ganz ruhig und unaufgeregt „Ein frohes Neues“ rüber rief. Eine kurze Bemerkung war's dem Pfarrer dann auch Wert, wir begrüßten jubelnd das Jahr 2018. Zeit, unsere Freunde zu umarmen und zu beglückwünschen gab es aber dieses Jahr nicht, stattdessen ging einfach die Predigt weiter... Wir hatten nach wie vor nicht geplant, die ganze Zeit zu bleiben. Schließlich, als es wirklich nur noch darum ging, welches Gemeindemitglied wie viel gespendet hatte, um Gott für die reichen Gaben im Jahr 2017 zu danken, hielt ich es nicht mehr aus, sondern setzte mich draußen mit unserem Nachbarn in die laue Nachtluft und hielt ein Pläuschchen...

Am Ende hatten auch die anderen Freiwilligen keine Lust mehr, der Spendenverteilung zu zu hören und wir gingen heim, wo wir anstießen und die Nacht noch in gemütlicher Runde, bei Popcorn, Keksen und Scharade ausklingen ließen. (und mit dem Versuch per Selbstauslöser ein Gruppenbild zu schießen... dauerte etwas...)  2017 habe ich eine ganze Menge neuer Schwestern bekommen...


Am nächsten Tag konnten wir leider nicht ausschlafen, weil unsere Gasflasche leer war und wir eine neue brauchten, bevor wir uns etwas zu essen machen konnten. Also waren wir um zehn schon auf den Beinen und wurden gleich mal von einer der allerschönsten Neujahrstraditionen, von denen ich je gehört habe, geweckt: Aurelle, unsere junge Nachbarin, brachte uns Eintopf und Brot vorbei. Denn die Beniner verteilen am Neujahrstag Essen an ihre Freunde, als Zeichen der Zuneigung und Verbundenheit und damit niemand ins neue Jahr starten muss, ohne sich den Magen mit einem Festmahl vollgeschlagen zu haben. Auch wir ließen uns natürlich nicht lumpen! Sobald wir wieder Gas hatten buken wir Pizzabällchen, packten sie in unseren größten Topf und zogen damit durch's Viertl. Überall wurden wir mit offenen Armen empfangen, hereingebeten, bekamen was zu trinken, Kekse und viele liebe Worte im Austausch gegen unser Gebäck. Wir waren ziemlich glücklich, dass wir hier so viele liebe Menschen kennenlernen durften und ihnen mit so wenig (einem Pizzabällchen pro Nase) so eine Freude bereiten konnten. Und überhaupt finde ich den Brauch ziemlich klasse, ich denke auch in Zukunft stecke ich mein Geld statt in Böller lieber in viel gutes Essen, wer macht mit?

Aurelles liebe Geste - und das erste, was ich vom neuen Jahr mitbekommen habe! <3

Aber nicht nur die Bällchen, sondern auch unsere Zeit wurde langsam knapp, denn wir waren zum Abendessen bei der Nachbarin unserer Mentorin eingeladen, bei der wir jedes Mal den Kopf zur Tür reinstecken, wenn wir Ursula besuchen kommen um ein paar Worte mit ihr zuwechseln. Was ich dabei aber noch nicht herausgefunden hatte: Salima und ihre Familie sind Bariba, das Reitervolk Benins. Und zwar nicht nur irgendwelche Bariba. Ihr Mann lebt schon eine ganze Weile aus beruflichen Gründen in Tanguiéta, in einer Region in der normalerweise andere Ethnien leben. Also hat er so etwas wie einen 'Verein für Exil-Bariba' gegründet und ist ganz nebenbei ihr Chef, weil er zufällig ein Bariba-Prinz ist (und werktags ist er Lastwagenfahrer). Er organisiert regelmäßige Festumzüge, bei denen geritten und gefeiert wird und seine Söhne tanzen alle in einer traditionellen Bariba-Tanzgruppe mit. Was für uns ein kleines Abendessen zu sein schien war die Bariba-Silvesterparty, mit den wichtigen Vertretern des Vereins, gutem Essen, von den Kindern organisierten Gemeinschaftsspielen und traditionellem Tanz.

Ein wunderschöner Abend, bei dem mir etwas aufgefallen ist, was ich mit euch teilen möchte: Ursula, unsere Mentorin, ist Missionarin, sie und ihr Mann arbeiten bei einer Organisation, die die Bibel in verschiedene regionale Sprachen übersetzt. Die beiden Familien leben in guter Nachbarschaft, Ursula und Salimas Mann wollten sich gegenseitig den Ehrenplatz beim Silvesterfest anbieten. Man kennt sich, man schätzt sich, man lacht zusammen. Und man betet zusammen: Ursula wird gebeten, unser Tischgebet zu sprechen, sie spricht es im Namen Jesu, bittet ihn unsere Speißen, die Köchinnen, unsere Freundschaft und das kommende Jahr zu segnen. Da fällt es mir ein: Die Bariba sind mehrheitlich muslimisch, Dorothea hat mit Salimas Familie im letzten Jahr das Ende des Ramadans gefeiert. Ist das jetzt nicht unhöflich? Im Haus eines Muslims ein christliches Weihnachtsgebet, müsste man das nicht irgendwie ökomenischer oder wenigstens unauffälliger machen oder wenigstens vorher fragen? Oder , oder...? Das mit den Religionen ist immer so kompliziert!

...in Benin nicht. Ursula sagt „au nom de Jesus, nous avons prié“. (Im Namen Jesu haben wir gebetet) Wir sagen „Amen“, die Christen und die Muslime gemeinsam, und wir meinen es auch so...

In diesem Sinne wünsche ich euch ein gesegnetes Jahr 2018 ;)

Montag, 25.12.2017

Frohe Weihnachten!

Ihr Lieben,

 ich wollte euch nicht nur ein frohes Fest wünschen, sondern euch auch für all die liebe Unterstützung über die letzten 16 Monate danken!

Ein ausführlicherer Bericht über unser Weihnachten folgt, wenn ein bisschen weniger Trubel ist, aber jetzt schon mal liebste Grüße von mir und meinen "Schwestern". Hier unter unserem wunderschönen Weihnachtsbaum in Doros und meinem Wohnzimmer. Aufgenommen gestern nach der Kirche:

Frohe Weihnachten und angenehme Feiertage! Ich schicke euch warme Grüße aus dem sonnigen Benin!

Eure Anuschka

Mittwoch, 13.12.2017

Von den Ferien in die Feiertage...

Wie für alle Paare, die erst vor kurzem zusammengezogen sind, stellte sich für Doro und mich die große Weihnachtsfrage: Wo feiern wir? Bei deinen oder bei meinen (Gast-)Eltern?

Natürlich ist es naheliegender, in Tanguiéta zu feiern, denn hier kennen wir Beide viele Leute, und Pobè kennt Doro nur von flüchtigen Besuchen. Aber gar nicht vorbeikommen geht natürlich auch nicht! Also entschlossen wir uns, all unsere verbliebenen Ferientage zusammenzunehmen und zu einer großen Südrundreise aufzubrechen. Zu unseren neuen Mitfreiwilligen und den ganzen lieben Menschen, die ich in meinen ersten 12 Monaten in Benin ins Herz geschlossen habe:

 

 

Am Samstag den neunten Dezember wurden wir vom Klingeln von Dorotheas Handy geweckt. 'welches Aas ist das denn? Wo wir doch eh nur bis halb fünf schlafen können, um den Bus nicht zu verpassen!' dachte ich mir und rollte auf die andere Seite. Der Anrufer ließ aber nicht locker und nach dem dritten Mal Durchklingelnlassen erbarmte ich mich dann doch, rollte aus dem Moskitonetz zum schon gepackten Rucksack und nahm ab. Es war unser Nachbar, der nur wissen wollte, ob wir nicht gestern angekündigt hätten, heute den Bus um Sechs nehmen zu wollen. Denn es sei schon Fünf und bei uns noch alles Dunkel... Ich dankte ihm, verfluchte den Handywecker, der das Gefühl hatte erst eine Woche später klingeln zu sollen und schmiss Doro aus den Federn. Ein Glück, dass Beniner gerne früh aufstehen!

Dank der Aufmerksamkeit unseres Nachbarn schafften wir es also mit Ach und Krach doch noch rechtzeitig zum Busplatz. Alles ging so schnell, dass wir gar nicht richtig wach waren, also ließ es sich im Bus gemütlich weiterschlafen. So eine Fahrt von Tanguiéta im hohen Norden Benins bis nach Cotonou im Süden kann schon gut und gerne zwischen elf und fünfzehn Stunden dauern. Deshalb hatten wir beschlossen abzukürzen und nur bis nach Bohicon zu fahren. Denn da gibt es in einem kleinen Dorf in der Nähe ein weiteres Waisenhaus, in das Kinderhilfe Westarika Freiwillige entsendet und einen (unter ebendiesen) berühmt berüchtigten BH-Markt ;)
Wir erreichten Bohicon nach geschlagenen 8 Stunden Busfahrt, früher als gedacht und ließen uns durch den Markt treiben, bevor wir uns zum Waisenhaus aufmachten. Schon in den ersten Minuten scheiterten unsere Versuche, mit den Marktfrauen ein bisschen mehr als nur die üblichsten Grußformeln auszutauschen. Ach stimmt ja, im Süden ist das Französisch der Einheimischen oft nicht so viel besser als mein Yoruba... Aber da Doro und ich auf Fon nicht mehr sagen können als „Wie geht’s?“ und „100 Francs“ erfragten wir uns halt mit Händen und Füßen den Weg.

Mougnon, das Waisenhaus Tabitah-Dorcas

Schließlich kommen wir in Mougnon an und werden von unseren lieben Mitfreiwilligen Marie und Niki abgeholt. Wir hätten's vermutlich sogar selber noch gefunden, schließlich waren wir schonmal da. Aber so haben wir die Chance schon mal ein kleines Pläuschchen zu halten, bevor wir von einer Horde Kinder gestürmt werden. Denn die Kinder in Mougnon sind viel, viel verkuschelter, als ich es aus Pobè kenne. Und so werden wir umgerannt, und mit vielen lieben Umarmungen und Bussis begrüßt. Sogar unsere Namen kennen die Kinder noch! Ich, zu meiner Schande, kenne zwar noch ein paar Namen aus den Erzählungen meiner Mitfreiwilligen und von meinem letzten Besuch, kann sie aber keinen Gesichtern mehr zuordnen...

In Mougnon werden aktuell 68 Kinder betreut, von einer Pastorenfamilie und den beiden deutschen Mädels. Eine schöne Arbeit, die aber auch schlaucht, und so nehmen sich Niki und Marie gerne für uns Zeit, um einfach nur beieinander zu sitzen und unsere Erfahrungen auszutauschen. Deshalb und weil wir nur bis zum Mittagessen am nächsten Tag bleiben bekomme ich von den Kindern gar nicht so viel mit. Dafür wird aber viel getanzt: Erst am Samstagabend im Wohnzimmer mit allen Kindern (hier bin ich bei dem kleinen Modest und drei großen Mädels in die Schule gegangen und habe mir von ihnen ihre coolsten Tanzmooves zeigen lassen. Und das bei über dreißig Grad. Ich war schon lange nicht mehr so erledigt, wie nach dem Abend!) und dann am Sonntag in der Kirche.

Danach müssen wir uns auch schon wieder verabschieden, mit dem Taxi in Richtung Pobè...

 

Pobè – Heimkommen?

Mit den Kindern, Maman, Ellen und Mareike... Doro macht das Bild ;)

Als wir in Pobè aus dem Taxi purzeln, fallen wir meinen Nachfreiwilligen Ellen und Mareike praktisch vor die Füße. Gemeinsam laufen wir durch die Dunkelheit zum Waisenhaus. Ein Weg, der mir ungemein vertraut ist und trotzdem kann ich schon im Dunkeln erkennen, wie viel sich verändert hat: Die schreckliche Erdstraße, die von der Hauptstraße bis zu unserem Viertel führt, wird ausgebaut.

Natürlich hat sich auch das Verhältnis zwischen mir und den Kindern geändert. Als wir kommen, sind sie gerade alle beim Abendessen, bei dem sie weder aufstehen noch sich groß unterhalten sollen. Also ist unsere Begrüßung ein bisschen komisch: Ich falle meiner Maman um den Hals und grüßte die Kinder, aber die kichern nur sehr verstohlen in sich hinein. Ich setze mich zu ihnen auf den Boden, stelle ihnen vorsichtige Fragen und inge und tanze mit ihnen beim Abendgebet... Aber trotzdem istes komisch: ich bekomme keine Umarmung, kein „Wie geht es Ihnen?“, kein „Wo kommen Sie denn her?“ und kein „Wir haben Sie vermisst...“. Nach dem überschwänglichen Empfang, den mir in Mougnon Kinder bereitet haben, die mich geschlagene drei Tage kennenlernen durften, tut mir die Schüchternheit meiner Kinder ein bisschen weh. Aber es ist keine Zeit zum Jammern, ich werde zum Abendessen gerufen und meine drei Mitfreiwilligen und Maman besserten meine Stimmung wieder auf. Und schließlich habe ich immer gesagt, dass die Kinder die Erlebnisse mit mir im Herzen behalten sollen, aber mich selbst möglichst vergessen, oder?

Wie früher werde ich Morgens von den Geräuschen des zum Leben erwachenden Waisenhauses geweckt, kann mich aber nochmal im Bett herumdrehen und Ellen, Mareike und Maman Alles regeln lassen. Auch den Rest des Vormittags lassen wir ganz entspannt angehen: Die Kinder sind nach wie vor in der Schule und während der Vormittage gibt es nichts zu tun. Zeit für uns Mädels zum Quatschen, Sportln, Wäschewaschen, Tagebuchschreiben, Rommyspielen, Mandalas malen und entspannen...

Ich nutzte die Zeit auch, um mich ein bisschen umzusehen. Außer an der Straße, sind gerade auch Bauarbeiter am Brunnen beschäftigt, zu den Hühnern sind zwei Sorten Truthähne dazugekommen (der Größte wird von Ellen und Mareike liebevoll 'Truti' genannt), die Freiwilligen haben von Kinderhilfe ein Moto gestellt bekommen (damit ist das Waisenhaus endlich motorisiert, was vieles einfacher macht: Mehl zur Mühle oder kranke Kinder ins Krankenhaus bringen zum Beispiel) und üben mit unserem Gastonkel fleißig fahren und der ganze Salon hängt voller Weihnachtsbasteleien der Kinder. So sehr sich Ellen und Mareike auch morgens langweilen mögen – abends sind sie fleißig!

Am Brunnen wird gearbeitet... ...Truti ist neu... ...und der Salon festlich geschmückt! Der diesjährige Adventskalender. Schön, oder?

An diesem ersten Nachmittag stehenTextproben für's Krippenspiel auf dem Programm. Ich helfe natürlich und hier tauten die ersten Kinder auf: „Tata, SIE müssen mich abfragen!“. So bekomme ich also eine kleine Sondervorstellung von einem unglaublich süßem Krippenspiel, mit dem Textbuch in der Hand. Judith und Herman als Maria und Joseph schlagen sich richtig gut, die kleine Chadè mit den riesigen Zahnlücken sagt mir leicht lispelnd ihren Text als geizige Wirtin auf und selbst Abigael und Atéî können ihren Text: „Määäh!“ (weil sie kein französisch können, spielen sie Schafe) Mir geht das Herz auf!

Danach ist Studierzeit, die Ellen und Mareike zu zweit viel ordentlicher einhalten als ich das alleine getan habe. Ich überlasse es den Beiden und Doro mit den großen Kindern ordentlich zu lernen und schnappe mir die Kindergartenkinder, um mit ihnen ihre alten Lieblingsbilderbücher anzuschauen. Irgendjemand hat zwischen meinem Abschied und der Ankunft der Mädels ganz viel anderes Zeug in den Bücherschrank gestellt, so dass die Kinder seitdem gar nicht mehr gelesen haben. Trotzdem erinnern sie sich erstaunlich gut an alle Geschichten und sind superglücklich, mit mir durch ihre Bilderbücher zu blättern. Sogar die Großen geben sich ein Tickchen mehr Mühe, um ganz schnell fertig zu werden und sich zu uns zu setzen... ;)

Das Eis ist also gebrochen und es bleiben uns noch eineinhalb schöne Tage zusammen. Dann heißt es, nach einer von mir angeleiteten Spiele-Runde, am Mittwochmittag aber doch wieder Abschiednehmen – gottseidank nur bis Februar, aber traurig ist's trotzdem...

Hundehütte... Unser ältestes deutsches Kinderspiel in Pobè eigentlich ist ja Zeit für den Mittagsschlaf... Dann spielen wir halt Schlafmütze :)

 

Porto Novo, bei Mev im Hauptquartier

So kommen wir am Mittwoch abends bei Mev in Porto Novo an. Über Mev habt ihr auch schon einiges gelesen, das ist die doppelte Einsatzstelle in Porto Novo, in der letztes Jahr Yari und Anusha in der Grundschule eingesetzt waren und Ezgi im Mikrofinanzprojekt. Vielleicht erinnert ihr euch, dass ich im letzten Frühjahr mal zwei Wochen mit Yari Einsatzstelle getauscht hab? Also war's auch hier ein kleines bisschen wie heimkommen, Osias und Grace in die Arme schließen, sich wundern, dass klein Prunelle schon so ein großes Mädchen ist und der jüngste Sohn, dessen Geburt wir miterleben durften, schon sitzen kann! Und natürlich auch hier schöne Gespräche mit den Nachfreiwilligen, sei es abends im Wohnzimmer bei Plätzchen (danke an Christophs Familie für's Backen und Schicken ;P ) oder am nächsten Mittag auf unserer kleinen Einkaufstour über den Büchermarkt und beim Mittagessen in unserem Geheimtipp, dem kleinen Restaurant in der Lagune...

Aber auch hier hält es uns nur eine Nacht, gerade genug Zeit um von Benins bester Frühstücksverkäuferin zu profitieren, bevor es uns weiter zieht, nach...

 

Cotonou – Einmal Touri sein!

In Cotonou gibt es auch eine Nachfreiwillige, mit der wir uns treffen wollten, aber schlussendlich ist unser Programm so voll, dass wir es gar nicht schaffen. Wir wohnen stattdessen bei Jaurès, einem einheimischen Freund von mir, der mich auch schon im September ein paar Tage beherbergt hat. Am ersten Abend sitzen wir zusammen und planen die wenigen Tage, die wir zusammen haben über ein paar Runden Mikado. Dabei deute ich ganz vorsichtig an, dass wir von den beninischen Touriattraktionen noch nie was gesehen haben: Ouidah und Ganvie. Ob sich da vielleicht ein kleiner Tagesausflug einrichten ließe? Jaurès stimmt mir zu, schreibt zwei Whatsappnachrichten und schon ist ein perfektes Touri-Programm organisiert, mit ihm als Fremdenführer...

Und so brechen wir am nächsten Tag auf, um uns Ganvie, das Venedig Benins anzusehen:

Auf dem Weg nach Ganvie... Die Schneiderin von Nebenan die Teefrau und die Ananasfrau um's Eck

Hier befindet sich die ganze Stadt auf dem Wasser, eigentlich sogar noch auffälliger als in Venedig selber. Denn so etwas wie Brücken zwischen den Häusern gibt es nicht. Stattdessen muss jeder Familienvater vier Barken besitzen: Eine für ihn, eine für die Ehefrau, eine für die Jungs und eine für die Mädels... Außerdem gibt es so etwas wie einen „Bus“, also ein größeres Boot, dass in der Stadt und und zwischen ihr und dem Festland tourt und Floße aller Art...

Die meisten Bewohner leben vom Fischfang. Wer schon länger dort lebt, hat eine eigene Parzelle See, in der er Äste versenkt, damit die Fische sich ordentlich vermehren können. Wenn die Äste runterfaulen, wird die Parzelle von Netzen umgeben, die immer enger gezogen werden – bis man schließlich alle Fische hat... Und vorher bilden die Astwälder einen ziemlich coolen Anblick!

Nach Ganvie reisen wir noch ein Stückchen weiter, in ein kleines nichtssagendes Dorf, auf halber Strecke nach Ouidah, unserer Station für morgen. Dort gibt es zwar keine Touristenattraktionen, dafür einige soziale Projekte, die Jaurès mit seiner ONG und französischen Freiwilligen unterstützt. Dadurch kennt er die Leute im Dorf gut und wir werden vom Gastwirt wie alte Freunde willkommengeheißen...

 

Frisch ausgeruht geht es dann am nächsten Tag weiter ins etwa 30 min entfernt gelegene Ouidah – zu dritt auf dem Zem.

Wir lassen uns vom Motorradfahrer irgendwo in Ouidah rausschmeißen und folgen Jaurès' Handy und Googlemaps zum Pythontempel. Denn hier werden die Schlangen als heilig verehrt und wohnen in einem kleinen Tempelchen gegenüber der Kathedrale. Man kann sie besuchen, sich was von ihnen wünschen, sie sich um den Hals legen lassen, sie anbeten oder ihnen Opfergaben bringen... Oder ihnen irgendwo in der Stadt begegnen, denn die Pythons sind nicht eingesperrt. Dafür aber wohl sehr friedlich und fressen schädliche Nagetiere. Wir sind beeindruckt und freuen uns, die Schlangen zu besuchen.

Doro und ich besuchen den Heiligen Baum des Pythontempels

Danach kommen wir am Museum vorbei, aber Jaurès meint entrüstet: „Wir werden doch nicht viel Geld zahlen, dafür dass ihr zwei alte Fotos anschaut und irgendein Idiot einen auswendiggelernten Hefteintrag über die Geschichte meines Landes runterleihert. Ich bin einfach euer Fremdenführer“. Und so laufen wir weiter, über Geschichte, Politik, Rassismus und Gott und die Welt sprechend:

Das kleine Küstenstädchen Ouidah verdankt seine traurige Berühmtheit der Porte-de-Non-Retour (der Tür der Nichtwiederkehr), den hier installierten die ersten weißen Siedler in der Gegend einen Hafen, der zum Knotenpunkt im Sklavenhandel wurde. Hier verhökerten die einheimischen Könige ihre Kriegsgefangenen (und vermutlich auch andere unbequeme Untertanen) gegen Glasperlen, Alkohol und anderen Krimskrams an die weißen Sklavenhändler.

Heute noch kann man den Weg vom „Marktplatz“, auf dem die Einheimischen wie Vieh versteigert und gebranntmarkt wurden, bis zum Hafen laufen, vorbei am Baum des Vergessens, an dem die Sklaven gezwungen wurden Rituale zu vollführen, um ihre Vergangenheit zu vergessen, und nicht nur real, sondern auch spirituell, heimatlos und entwurzelt zu werden. Inzwischen kommt man aber nicht nur an den Mahnpfeilern der grausigen Geschichte, sondern auch an Statuen des Festivals vorbei, mit denen das heutige Ouidah sich jährlich feiert, und an einem „Zentrum der Wiederkehr“ - denn auch wenn es denjenigen, die früher verschleppt wurden, nie wieder vergönnt war, einen Fuß auf ihre Heimaterde zu setzen, kommen heute viele afrikanischstämmige (Latein-)Amerikaner wieder zurück nach Westafrika, um mehr über die Geschichten ihrer Familien herauszufinden.

Am Tor, das den ehemaligen Hafen der Nichtwiederkehr symbolisiert, treiben sich vorallem Touris, Schulklassen auf Bildungsausflug, falsche Tourguides und Andenkenhändler herum. Wir setzen uns auf die großen Stufen und verschnaufen einen Moment, denn der lange Weg durch den Sand und die Hitze war schon ein bisschen anstrengend. Wie schön, dass auf uns hier nicht ein ungewisses Schicksal, sondern ein kühles Fußbad im Meer wartet!

Doro und Jaurès auf den Spuren beninischer Geschichte Der Baum des Vergessens Die Porte de non-retour

Wir haben Glück, wir werden von zwei italienischen Freundinnen von Jaurès aufgegabelt und fahren mit ihnen am Strand entlang die route des pecheurs (Die Fischerrute) zurück nach Cotonou... Dort bleibt uns nur noch der Sonntag, den wir voll ausnutzen: Wir gehen auf den Markt, schwimmen und begleiten Jaurès zu seiner Gebetsgruppe. Er ist charismatischer Katholik, etwas was für mich auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Charismatiker, stelle ich mir nach meinen Erfahrungen hier so vor, dass sie schreien, sich auf den Boden werfen, weinen, Teufel austreiben, während wir Katholiken das ganze … naja... ruhiger angehen. Umso schöner ist die Erfahrung der Gebetsgruppe: Das ganze nennt sich „feu nouvel“, „das neue Feuer“ und ist so etwas wie eine Jugendorganisation unter dem Dach der katholischen Kirche. Ursprünglich trifft man sich in kleinen regionalen Jugendgruppen wie der, dessen Treffen wir im Klassenzimmer einer katholischen Schule besuchen, es gibt aber auch größere regionale und nationale Aktionen, ähnlich wie bei den Pfadis. Wir kommen ganz knapp nicht zu spät, die Anderen sind schon versammelt. „Fühlt euch daheim!“ wird uns noch gesagt, dann laufen wir im Kreis um einen Stuhl, auf den ein Kreuz, ein Jesusbild und eine Marienstatue drapiert sind. Wir singen und klatschen und schließlich schaft eine süße kleine Beninerin es doch, mit ihrer Freude alle anzustecken und wir tanzen.

Danach rollen wir Bastmatten aus, versammeln uns und reden miteinander. Querbeet erzählt jeder von seiner Woche, was schön war, wo er Schwierigkeiten hatte und die Anderen hören zu, denken darüber nach und melden sich mit Ermutigungen, Lob und Ratschlägen für Bruder So-und-so und Schwester Dings zu Wort. Eine angenehme Atmosphäre, in der wir auch Bibel lesen und ein bisschen darüber meditieren. Danach räumt der Gruppenleiter die Mitte des Kreises und ein junges Mädchen kniet sich in unsere Mitte, vor das kleine Kreuz. Sie schließt die Augen und beginnt einen Lobpreis zu singen, wir anderen fallen ein. Und so singen und beten wir, ganz entspannt, ruhig und für uns, ohne schreien und zappeln, das erste Mal, seit dem ich in Benin bin.

Danach wird Bruder Jaurès (der der ehemalige Gruppenleiter ist) gebeten, einen Vortrag über Zeitmanagement im Alltag zu halten, an dem er während unserer gemeinsamen Reise immer mal wieder gebastelt hat. Also setzt er sich in die Mitte, die anderen Jugendlichen schreiben mit, was uns ganz schön erstaunt! Es wird aber kein Vortrag sondern eine Diskussion, danach sprechen wir über die Weihnachtsfeier in zwei Wochen und dann ist es auch schon aus.

Hallelujah! ;)

Doro, Jaurès und ich verabschieden uns und ziehen durch die Nachmittagssonne nach Hause, wo wir bei einem Radler und frittiertem Yams unseren letzten gemeinsamen Abend genießen.

Und damit ist unsere Reise auch schon wieder zu Ende, am Montagabend kommen wir nach einem Tag im Bus, gesund und müde in unserem kleinen Häusschen an...

 

Montag, 04.12.2017

Keine Sorge, mir geht's gut!

Anscheinend haben sich einige von euch Sorgen gemacht, weil ich vor ein paar Wochen darüber berichtet habe, dass ich an Typhus erkrankt bin und haben meine Eltern gefragt, wie es mir geht. Deshalb möchte ich euch beruhigen:

Mir geht's gut. Ich fühl mich fit, hab Spaß beim Arbeiten und freue mich auf die viel zu schnell weniger werdenden letzten Wochen im schönen Benin!  (natürlich freu ich mich auch darauf, euch wiederzusehen, aber troztdem... Die Tage sind schon zählbar! Ahhh!)

Doro und ich brechen am Samstag zu unserer kleinen Rundreise durch den Süden auf. Wir werden Maman, die Kinder und meine Nachfreiwilligen in Pobè besuchen, unsere Mitfreiwilligen und ein paar Freunde in Porto Novo, Cotonou und Mougnon. Ich freu mich schon sehr, auch wenn wir uns nur 10 Tage frei nehmen wollen, um nicht zu viel Unterricht ausfallen lassen zu müssen. Der Urlaub wird also kurz, aber fein :)

Wegen der Reise werdet ihr auch erst wieder kurz vor Weihnachten was von mir hören. Bis dahin:
Macht's gut, mir geht's auch klasse, genießt die Staade Zeit!

Eure Anuschka

Montag, 04.12.2017

Ruby ist neu im Atelier

 

Eigentlich kommt Ruby schon seit drei Monaten immer wieder im Atelier vobei. Aber dann merkt es normalerweise keiner, nur Doro und ich wissen es oft. Letzten Dienstag kam sie dann zum ersten Mal ganz offiziell, alle Mädchen wurden versammelt um sie kennenzulernen und sie wurde von Madame Pasteur begleitet. Ganz schön viel Tamam um ein neues Mädchen, oder?
Aber Ruby ist kein neues Mädchen – sondern eine Menstruationstasse.

Eine was? Menstruation, ist das etwa ein Mädchenartikel? Nein, liebe Männer, lest ruhig weiter...

Frauen auf der ganzen Welt haben ihre Monatsblutungen und überall auf der Welt gibt es Frauen, die die Natur mit beschwerdefreien Tagen gesegnet hat, und die, die stärker darunter leiden. Ich denke überall auf der Welt denken sich Frauen immer wieder „Nicht schon wieder“, denn die Tage kommen gerne ungelegen. Wenn man nie eine Handtasche dabei hat, so wie ich, kann man dann schon mal irgendwo auf einem Gästeklo feststellen, dass es mal wieder begonnen hat und ohne Tampon oder Binde ziemlich blöd aus der Wäsche schau'n.
Aber kein Problem, Frauen müssen zusammenhalten: Auch wenn's manchmal peinlich ist, man kann sich eigentlich immer von einer Leidensgenossin retten lassen. Auch für die gebrauchten Hilfsmittel steht sogar in jedem versifften Bahnhofsklo ein Mülleimer bereit.

In Benin nicht. In Benin steht man da mit so einer Binde und muss abwegen: Ins Plumsklo werfen (das Zeug ist Plastik und verrottet wohl eher nicht?), vergraben oder verbrennen, jetzt oder nachdem ich sie heimlich in meinem Zimmer gesammelt habe?
Das sind alles keine besonders schönen Optionen und so ging ich dann mal fragen, wie Maman das denn so machte mit den „Couches“ (Binden): Auswaschen, war die Antwort.
Wie, auswaschen? (Wer schonmal mit einer Binde in den Pool geworfen wurde weiß: Das Ding saugt sich erst voll Wasser und löst sich dann auf...)
Naja, meinte Maman, du nimmst den Pagne wieder raus und wäscht ihn halt aus, so wie immer...

Da klärte sich unser Missverständnis: Wegwerfbinden wie wir sie kennen, sind für die beniner Dorffrauen schwer zu finden und eher unnötige Ausgaben. Deshalb nehmen sie alte Pagne, die sie zu einer riesigen Windel zusammenfalten und in der Unterhose tragen. Das ist keine besonders sichere Methode, am wenigsten Risiko trotzdem blutbefleckt durch die Gegend zu laufen hat man, wenn man sich nicht hinsetzt. Und so stehen Frauen und junge Mädchen manchmal den ganzen Tag. Oder gehen eben nicht zur Schule, drei, vier Tage im Monat.
Das ist natürlich unvorstellbar umständlich. Und abends beim Duschen wird der Pagne dann durch einen anderen alten, verranzten Stofffetzen getauscht, so sauber geschruppt wie es geht und in der Dusche zum Trocknen aufgehängt, damit ihn keiner sieht, das wäre ja unanständig...
Die Frauen nutzen also oft alte Stoffe, die weder ausgekocht werden noch jemals in die Sonne gehäng werden. Dass sie sich häufiger Infekionen im Intimbereich holen, als europäische Frauen, wundert da nicht. Aber verurteilen kann man sie dafür auch nicht wirklich, wenn das Geld knapp ist, kann man sie ja kaum zwingen sich wegwerfbinden zu kaufen. Und ganz nebenbei, was macht man mit dem Müll?

Als Doro letztes Jahr in Benin war sah sie beides, das Gesundheitsproblem und das Müllproblem und hatte beides nicht. Denn sie benutzt seit Jahren eine Menstruationstasse, eben Ruby. Das ganze muss man sich als etwa schnappsglas-große Silikontasse mit einem kurzen Stil vorstellen. Sie ist knautschbar und wird zusammengefaltet in die Vagina gesteckt. Dort faltet sie sich auf und fängt alles Blut auf. Anfangs ist es nicht ganz einfach, sie richtig zu platzieren und gerade für junge Mädchen auch oft ein bisschen unangenehm, aber wenn man's mal raus hat, dann kann man alles machen, ohne Angst zu haben, auszulaufen: sitzen, rennen, sogar tanzen, einen Spagat machen (wenn man's kann) oder Schwimmen. Wenn sie voll wird oder so lange im Körper ist, dass es unhygienisch ist, dann geht man auf's Klo (oder hier eher in die Dusche, sonst riskiert man seinen Cup aus dem Plumsklo angeln zu müssen...), nimmt sie raus, spült sie mit klarem Wasser und platziert sie neu. Zwischen den Regelblutungen kocht man sie 5 Minuten auf, damit sind sie desinfiziert und können ohne Bedenken um die zehn Jahre benutzt werden.

  So sieht sie aus, unsre Ruby. Schick, nicht?

Auch in Deutschland eine enorme Ersparniss an Ärger, Müll und Geld, in Benin aber eine unvorstellbare Verbesserung.

Doro sprach mit den Frauen aus ihrer Gastfamilie und ihren engeren beninischen Freundinnen darüber und gewann ihre Maman für das Projekt: Madame Pasteur.Im Februar kamen die drei ersten spendenfinanzierten Cups, für Maman und Pflegerinnen aus dem Krankenhaus, die beninischen Versuchskaninchen. Die drei fanden's gut, Doro konnte größer denken:

Es gibt einige Firmen, die Cups herstellen (inzwischen werden sogar welche im DM verkauft), Doro schrieb einige an, vor allem Rubycup, weil die bereits damit werben, Frauengruppen in Afrika zu unterstützen. Lange tat sich nichts, aber mit der Hilfe von Christina, die unsere „deutsche Mama“ bei Kinderhilfe ist, stellte sie dann doch noch Kontakt zu Rubycup her. Seitdem unterrichten wir eine nette Dame von Rubycup über unsere Aktionen und die Reaktionen der Frauen, die wir für unser Projekt gewinnen. Dafür bekommen wir die Cups deutlich billiger. So konnten jetzt schon 67 Cups finanziert werden, die ersten 27 kamen im September mit den Nachfreiwilligen nach Benin, die anderen vierzig brachte unsere Mentorin aus dem Deuschlandurlaub mit.
Sie lagern bei Doro und mir im Wohnzimmer. Immer wieder treffen wir eine Frau oder ein junges Mädchen, von dem wir beide denken: „Die ist mutig und offen für Neues“. Dann laden wir sie ein, zu einem Treffen mit uns und Madame Pasteur zu kommen und gerne auch noch Freundinnen mitzubringen. Für unsere Schneidermädels machten wir aber natürlich ein Extratreffen.

Zuerst besprach ich mit den Mädels ihren Zyklus, mit Hilfe einer riesigen an die Tafel gemalten Frau. Es war den Mädchen peinlich, aber Maman war ja da und zwang sie, aufzupassen, in dem sie immer wieder Mädchen zusammenfassen ließ, was ich gesagt hatte. Und schließlich fiel es ihnen leichter über ihren Körper zu sprechen. Schließlich redeten wir ja über nichts Schlimmes: nur darüber, dass der Körper erst das Zimmer einrichtet, dann das Ei kommt, sich im Zimmer schlafen legt und darauf wartet, dass der Papa vorbeikommt und es zum Baby werden lässt (wie das funktioniert, darüber reden wir wann anders). Und wenn das nicht passiert, dann macht der Körper so wie jede gute Hausfrau mit überfälligen Eiern: Er schmeißt sie weg... Und dann haben wir eben unsere Tage, was gibt es da zu Kichern?
Dann übergab ich meinen Platz an Maman. Sie klärte die Mädchen über die gesundheitlichen Gefahren auf, denen sie sich mit alten oder nachlässig behandelten Stoffbinden aussetzen. Während sie bei mir noch versuchten möglichst unauffällig auszusehen, lockte Maman sie aus der Reserve und wenn Maman uns demonstrierte, wie man läuft, wenn man den Pagne falsch zusammengefaltet hat, dann mussten wir alle von ganzem Herzen lachen.

Maman und die Riesendame... ... klären meine Mädels auf. So lustig kann Unterricht sein!

Die Stimmung war also gut, als Doro Ruby dann vorstelle. Das half ihnen, die erste Scheu zu überwinden und schließlich ging der Cup von Hand zu Hand...

So funktioniert's in der Theorie ...und so in der Praxis. Ein Bravo für Justine, die erste Mutige, die Ruby in die Hand nahm.

Während wir von Erwachsenen Frauen symbolisch 1000 Francs nehmen, geben wir den Mädels den Cup einfach gegen das Versprechen, ihn auch gleich zu benutzen. Deshalb haben wir ihnen Bedenkzeit gegeben und warten darauf, dass die ersten zu uns kommen und sich ihre Menstruationstasse abholen...

 

PS: Auch für deutsche Frauen ist es eine Überlegung wert, es gibt von eigentlich jeder Marke auch kleine Größen für junge Mädchen. Denn auch wenn es bei uns weniger auffällt, mit dem Gesundheits- und vor allem dem Müllproblem sollten wir nicht so achtlos umgehen!

 

PPS: Das Bild ist einfach zuu schön: Mamaaaa! Ich will auch so ein Ding!

 

Freitag, 01.12.2017

Bon travail, Maitresse!

Ich habe euch vor einiger Zeit mit auf den Markt genommen und euch beschrieben, wie unsere Abende so aussehen. Inzwischen sind einige unserer Studentenfreunde weggezogen und unsere Abende sind oft ruhiger, aber nicht weniger schön.
Auch morgens im Unterricht hat sich eine gewisse Routine eingespielt. Und die möchte ich euch heute mal ein bisschen zeigen:

7:00 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Doro und ich lassen das Lied durchlaufen, weil wir es gern mögen, bleiben aber liegen (am Boden, wie viele Beniner schlafen wir inzwischen auf einer Bastmatte). Normalerweise ist Doro als erstes auf den Beinen, ich rolle mich hinterher aus dem Moskitonetz. Dann teilen wir uns die morgendlichen Haushaltspflichten: Eine kehrt und spühlt, die Andere sucht ein Frühstück zusammen. Meistens essen wir die Reste vom Abendessen des Vortags, nochmal durchgebraten, damit die Keime, die sich über Nacht gebildet haben, absterben. (Einen Kühlschrank gibt es nicht)
Also sitzen wir dann zum Beispiel über einem Teller Reis und diskutieren unseren Unterricht. Gerade in Mathe ist es schön, sich austauschen zu können, um kreativere Stunden zu gestalten als „Ich erkläre euch Plusrechnen und dann addiert ihr den Rest der Stunde“...

Wir gehen jetzt aber mal davon aus, dass wir Montag oder Donnerstag haben, also haben wir unsere Französischhefte in der Hand. Wenn wir eine ungefähre Vorstellung haben, was wir heute erreichen wollen, hüpfen wir nochmal in den Duscheimer und los geht’s!

Um 9:00 Uhr sind wir im Atelier und werden oft schon von einer Hand voll Schüler im „Klassenzimmer“ erwartet. Unser Klassenzimmer sind 4 Tische unter einem riesigen Baum, in zwei Reihen aufgestellt, zwischen denen eine Tafel steht. Weil ich die schnelleren Kurse habe, unterrichte ich normalerweise auf der Vorderseite der Tafel, die sich leichter Wischen lässt. Doro schreibt ihre Anschriebe auf die Rückseite (die dafür gar nicht gedacht ist), von der Ecke der Tafel hängt unsere Schultasche mit allen Heften, Büchern, Kreiden und Rotstiften.
Ich schnappe mir die Lesefibel und mein Heft für den Anfängerkurs und hake ab, wer schon da ist: Die beiden Mädels waren schon lang vor mir da, Bettie, die Souspatrone (sowas wie „Unterchefin“, Vorarbeiterin, Filialleiterin), schneidet noch schnell ein Kleid fertig und da hinten klein am Horizont kann ich die drei Jungs erkennen, die eigentlich beim Herrenschneider ums Eck lernen. Auf Bettie warten wir noch, die Jungs brauchen mir zu lange. Also Ardoise raus und Kreiden gezückt, wir diktieren!

Die Ardoise sind kleine, etwa A5-große Tafeln, die hier alle Schüler haben. Ich bin ein echter Fan davon geworden! So können die Schüler die ersten Schreibversuche machen, ohne Platz in den Heften zu verschwenden und viel einfacher ihre Fehlerchen korrigieren. Außerdem sind sie zum Diktieren unglaublich praktisch: Ich gebe eine Silbe vor und jeder versucht sie richtig auf sein Täfelchen zu schreiben. Auf mein Kommando heben dann alle ihre Ardoise hoch und wir korrigieren gemeinsam. So können wir nicht nur schnell wiederholen, ich sehe auch sofort, bei welchen Schülern es ein bisschen hapert. Aber vor allem spornt es sie total an, dass alle Mitschüler sehen würden, wenn sie einen Fehler machen oder so schön schreiben, dass ich sie laut lobe. (Außerdem lassen sich mit Täfelchen und Kreide auch die mitgebrachten Kleinkinder wunderschön ruhigstellen)
Da wir mit Azubis aus prekären Verhältnissen zusammenarbeiten, haben nicht alle Ardoises. Also schreiben meistens ein paar auf den Tisch. Elysée, mein jüngster Schüler, zum Beispiel. Er ist etwa neun Jahre alt und schafft es jede Stunde wieder, auf den Kreidestaub am Tisch zu tappen und sich dann beim Nachdenken im Gesicht zu kratzen...

Betties erste Buchstaben. Inzwischen liest sie sich schon fleißig durch kurze Texte

Nachdem wir alle Buchstaben ausreichend wiederholt haben, stelle ich ihnen einen Neuen vor. Heute zum Beispiel das Pe.

Ich setze mich mit an den Tisch und gemeinsam suchen wir Wörter mit P: Patate (Süßkartoffel), Pâte (beninisches Essen), aber nein, Togo gehört nicht dazu...

Nachdem jeder mindestens eines gefunden hat, male ich ein Druckbuchstaben-P an die Tafel. Nur das kleine P, denn Großbuchstaben würden erstmal nur verwirren. Nach unserer Lesefibel kommen die erst nachdem man alle Kleinbuchstaben durchgenommen hat. Meine Schüler malen unaufgefordert auf der Ardoise mit und ich schimpfe sie ein bisschen – schließlich erkläre ich gerade, worauf man achten muss und sie hören nicht zu. Insgeheim freue ich mich natürlich, dass sie so motiviert sind. Also fasse ich mich kurz und laufe die Reihe meiner Schüler ab. Wer ein schönes P auf seiner Tafel hat, dem male ich eines ins Heft. Derjenige darf dann die ganze Reihe mit Ps füllen...

Wenn alle die Stifte weglegen, zeige ich ihnen das Schreibschrift P und das gleiche Spiel beginnt: Ardoise, Heft, eine Linie schreiben.

So füllen wir eine ganze Seite mit Ps und Silben mit P. Manchmal unterbreche ich sie, um an der Tafel ein paar kleine Tips für alle zu geben, ansonsten wandere ich von Schüler zu Schüler, schaue über die Schulter und verteile Lob und kleine Korrekturen...

Während sie die letzen Reihen pinseln, schreibe ich die nächste Aufgabe an die Tafel. Manchmal gebe ich ihnen Wörter in Druckschrift, die sie dann in Schreibschrift ohne Absetzen kopieren sollen oder andersrum. Manchmal verteile ich Silben über die ganze Tafel und lasse sie suchen: „Wer als erstes das „ti“ findet, hat gewonnen!“

Aber meistens haben wir am Anfang so getrödelt, dass ich schon den Text aus der Lesefibel abschreibe. Ich versuche ihn in Abschnitte zu teilen, so dass jeder in etwa gleich viel und gleichschwere Wörter lesen muss. Dann kommt einer nach dem Anderen an die Tafel und kämpft sich durch seine Zeile. Manchen muss ich noch komplett helfen, andere lesen sich schon ganz flüssig durch die kleinen Texte. Einen Bon gibt es aber für jeden. Bon heißt so viel wie „Gut“ und ist ein Lob, dass eine Gruppe jemandem „geben“ kann. Dafür wird geklatscht, überall ein ganz klein bisschen anders. Wir klatschen dreimal kurz in die Hände, lassen einen Moment Pause, klatschen noch dreimal, rufen „Super!“ und strecken dem Schüler an der Tafel die Hände entgegen, wie als wenn wir ihm ein großes Lob zuwerfen wollten. Selbst die erwachsenen Schüler freuen sich diebisch, wenn sie ein Bon bekommen. Ist ja auch eine liebe Geste, oder?

Nach etwa eineinhalb Stunden entlasse ich meine Anfängertruppe und gurke durch's Atelier, um Sandrine, Justine und Naomie zu suchen. Die drei sind der traurige Rest meines Fortgeschrittenenkurses. Die großen Jungs vom Herrenschneider um's Eck nehmen es mit der Schule leider nicht mehr so genau: Teilweise waren Jungs in 12 Mathestunden 8 mal nicht da. Ich rechne inzwischen schon gar nicht mehr mit ihnen.

So schlimm war mein Unterricht doch gar nicht, oder Clément? Hier beim Üben von Personenbeschreibungen

Meine drei Mädels erfreuen sich deshalb jetzt an Einzelbetreuung. Wir haben die letzten Wochen durchgesprochen, wie man Verben im Präsenz konjugiert (Das Französische hat so viele Ausnahmen, dass wir dazu 2 Wochen gebraucht haben). Nachdem sie einen kleinen Test überstanden haben, belohne ich sie mit einer Lesestunde. Wir schnappen uns das Lesebuch zu unserer Fibel und lesen uns durch die schwierigeren Geschichten. Ich habe ein Märchen über einen faulen Bauern gefunden, der mit einem Waldgeist einen verhängnisvollen Pakt schließt, das lesen wir jetzt. Alle paar Zeilen stoppen wir und die Mädels müssen mir zusammenfassen, was passiert ist. Sandrine liegt mit ihrer Interpretation gerne haarscharf neben der Geschichte, aber bevor ich irgendetwas sagen muss verbessert Justine sie. Mindestens Justine ist von der Geschichte begeistert und ich grinse still vor mich hin, weil ich mich über ihre Begeisterung so freue. Abschließend begutachten wir noch das Bild auf der nächsten Seite.

Ich sehe auf die Uhr: Uns bleibt noch fast eine Stunde, die Mädels lesen inzwischen viel schneller und aufmerksamer als am Anfang. Also starte ich einen Versuch: Jede soll in ihrem Heft einen Satz mit „Heute Morgen...“ beginnen. Dann geben wir die Hefte im Kreis herum und jede soll einen neuen Satz hinzufügen, bis eine kleine Geschichte entsteht. Ich bin mir absolut nicht sicher, ob sie überhaupt verstehen werden, was ich von ihnen will. Aber es klappt, sie beginnen ganz fleißig zu schreiben und sich gegenseitig in Rechtschreibung zu beraten. (Dadurch wird es nicht unbedingt richtiger...) Ich hüpfe um die Tafel herum, um meine Freude mit Doro zu teilen: Es klappt!

Danach lesen wir gemeinsam die Geschichten und schließlich sind unsere eineinhalb Stunden doch um. Also entlasse ich sie, mit der Warnung: Denkt dran für den Matheunterricht morgen das kleine Einmaleins zu wiederholen!

 

 

PS: Ich habe oben erzählt, dass Doro und ich uns kreative Einheiten für den Matheunterricht ausgedacht haben. Hier ein paar Bilder unserer Mathe-Sport-Stunde – wir ließen sie sich zum Beispiel im Kreis aufstellen und fragten sie das kleine Einmaleins ab. Wer sich verrechnete oder zu lange denken musste, musste einmal außenrum rennen. Klingt jetzt vielleicht nach einer sehr gemeinen Übung, war aber ziemlich witzig! ;)

  4 x 4 ist nicht 8. Einmal außenrumrennen, bitte! Kaiser, Kaiser wieviel mal darf ich 7 malnehmen?

 

 

Soll ich das fertig nähen, während du Unterricht hast, Mama?

 

 

Montag, 06.11.2017

Ich wollt' ja gar nicht nochmal...

Nach unserer Typhusrunde ging es also langsam wieder aufwärts. Doro und ich waren zwar immer noch nicht so fit, dass wir wie in den ersten Wochen jeden Nachmittag bei einem anderen Freund vorbeigeschneit wären, aber immerhin unterrichteten wir, gingen auf den Markt, kochten, kurz: wir fühlten uns besser. Wenn wir Vita und Miriam begegneten dann mussten wir schon ab und an zugeben: „Heute bin ich irgendwie platt...“ oder „Mein Magen spinnt schon wieder...“, aber meine Medikamente hatte ich schon lange zu Ende und auch Doros letzte Tablette kam langsam in Sicht.

Also gaben wir Selina, unserer Mitfreiwilligen aus dem Debora-Zentrum in der Nachbarstadt Natitengou, Bescheid: Wir sind wieder gesund, du kannst endlich über's Wochenende zu uns kommen!
Also kam Selina am Freitagmorgen zum Frühstück, im Gepäck zwei Säcke Erdnüsse für die Mädchen aus dem Atelier. Ein kleiner Gruß von Maman Marthe. Weil wir viel zu erzählen hatten, verquatschten wir uns promt und schlugen erst eine Viertelstunde zu spät im Atelier auf. Da wir nicht nur die zwei Säcke Nüsse, sondern auch noch eine neue Maîtresse dabei hatten, sahen die Mädels freundlicherweise darüber hinweg.
Den Freitag unterrichteten wir also zu dritt, was besondern den langsamen Rechnern aus meinem Anfängerkurs gut tat.

Den Rest des Tages und auch den Samstag liesen wir ganz entspannt verstreichen, quatschten viel untereinander, tauschten witzige Schulerlebnisse und gute Unterrichtsmethoden aus, saßen im Atelier bei den Mädels oder bei Vita und Miriam. Doro und ich hatten schon länger den Plan mal zu dem kleinen Wasserfall am Ortseingang zu laufen, um zu sehen, ob man dort zur Zeit schwimmen kann. Wir schlugen es den anderen Mädchen als Sonntagsprogramm vor, schließlich waren wir ja alle wieder fit – nur 100% sicher, ob wir schwimmen können würden, das waren wir nicht.

Da hatten wir dann großes Glück, dass Selina keine Mitfreiwillige hat und deshalb von ihrer Mentorin einer jungen Schweizerin vorgestellt wurde, die zur Zeit auch in Natitengou ein Praktikum macht. Die hatte Selina witzigerweise für genau den Sonntag zum Wasserfall eingeladen – nur zu dem in Tanongou, der etwas weiter weg, aber wunderschön ist. (Vielleicht erinnert ihr euch an den Namen oder erkennt den Wasserfall auf den Bildern. Als wir im Februar im Park waren, waren wir dort schwimmen)

Erkennt ihn jemand? Der wunderschöne Wasserfall von Tanongou

Der kleine beninische Azubi holte uns am nächsten Tag in einem wunderschönen himmelblauen VW-Käfer ab. Er war nur nicht ganz so klein, sondern schon 27, auch nicht wirklich Auszubildender, sondern Ausbilder in besagtem Zentrum und Beniner war er auch nicht, sondern Schweizer. Dabei hatte er ein zweites, nicht minder originelles, Auto und Selinas Freundin und fünf andere schweizer 'Jungs'.
Von so einer großen Yovogruppe waren wir dann doch ein bisschen überrascht, aber wir erholten uns schnell von dem Schock und wurden auf die vier Plätze verteilt. Doro und ich landeten zu zweit auf dem Beifahrersitz des Käfers. Da der Beifahrertür die Innenverkleidung fehlt, saß es sich da eigentlich auch ganz bequem. :)

Thomas hat das Platzproblem gelöst, in dem er ein bisschen Gepäck auf's Dach ausgelagert hat...

Tanongou ist einfach wunderschön und es hat super gut getan, nach Monaten herrlichen Sommerwetters ohne Abkühlungsmöglichkeit auch mal wieder schwimmen gehen zu können. Nachdem wir uns alle im Wasser und beim Kraxeln an der Felswand verausgabt hatten, feierten wir Thomas Geburtstag mit einem mehrsprachigen (aber leicht schiefen) Geburtstagsständchen, einem deutsc... pardon einem schweizer Picknick (Salami-Essiggurken-Semmeln und Tomatensalat... Traurig aber wahr, so schmeckt Heimat :P) und einer zweiten Runde Wasserfallplanschen. Danach lockte der Geburtstagskuchen (ein Kuchen! Eine hier absolut seltene Köstlichkeit) und bei einer Runde Räuber-UNO trockneten wir alle gut gelaunt in der Nachmittagsbrise.

Die Reste des Picknicks... Wir hatten sogar Chips! Sachen gibt's, die gibt's hier eigentlich gar nicht! Doro und ich sonnen unsre FüßeDie Anderen kraxeln......ich hüpf lieber aus nicht ganz so hoher Höhe!

Dann war es leider auch schon viel zu früh Zeit, aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Der Tag am Wasserfall war ein schöner Mix aus „Daheim fühlen“ mit deutscher Sprache, UNO und Salamibrot, der herrlichen Natur Benins, Piratenfilm-feeling beim Felswandbekraxeln und In-Klamotten-schwimmen und einfach-eine-tolle-Zeit-mit-coolen-Leuten-verbringen, auf den ich absolut nicht verzichten wollen hätte...

 

...aber vielleicht sollen hätte.

Aber das merkte ich leider erst, nachdem wir uns in Tanguiéta von Selina und den Schweizern verabschiedet hatten und wir bei Vita und Miriam im Wohnzimmer saßen um Bilder auszutauschen. So glücklich ich mit meinem Salamibrot gewesen war, jetzt rummorte der Magen heftig und statt mein Abendessen zu essen schlief ich meinen armen Mitfreiwilligen im Wohnzimmer ein. Doro brachte mich nach Hause, wiegelte die hier übliche Frage „Und, was hast du uns mitgebracht?“ mit „eine hundemüde Anuschka“ ab und brachte mich ins Bett. Am nächsten Morgen wachte ich mit fast vierzig Grad Fieber, Bauchschmerzen und Übelkeit auf. Zu früh gefreut, der Typhus war zurück.

 

Diesmal wussten wir aber, was wir zu tun hatten. Wir waren uns sofort sicher, dass es wieder Typhus sein musste und Doro holte einen befreundeten Zem, um mich, das kleine glühende Häufchen Elend mit der Spuckschüssel, ins Militärkrankenhaus zu verfrachten. Dort wurden wir wie alte Bekannte willkommen geheißen. Ich bekam mein altes Zimmer und wurde erstmal ausgefragt, wie es den anderen beiden Freiwilligen so ginge, und ob wir den Krankenpfleger nicht Miriam heiraten lassen würden. Und bevor ich mir eine angemessene Mitgift ausdenken konnte, waren auch schon mein Fieber und mein Blutdruck gemessen und ich hing an dem Tropf mit dem inzwischen schon bekannten aufdinglichen Multivitaminsaftgeruch. Zugegebenermaßen war ich an dem Tag auch nicht besonders schnell, aber was erwartet man von jemandem mit hohem Fieber.

Der Arzt sah meinen Rückfall deutlich entspannter, als wir. Typhus dauere wohl einfach lange um ganz ab zu heilen und außerdem hingen die Bakterien in Tanguiéta in der Luft. Da könnten wir noch so ordentlich unser Wasser abkochen und unsere Tomaten chloren, manchmal habe man eben einfach Pech. Ob wir nicht gemerkt hätten, wie viele im Dorf krank seien?

Doch, das hatten wir gemerkt, aber das hieß ja noch lange nicht, dass immer ich Pech haben müsse... Beleidigt mit meinem Schicksal schlief ich ein.

Viele Stunden Schlaf, einige liebe Krankenbesuche und vier Infusionen später fühlte ich mich wieder relativ fit. Wir warteten, weil der Pfleger gesagt hatte, eine Infusion käme noch. Dem fiel dann aber auf, dass wir Probleme haben würden jemanden zu finden, der uns im Dunkeln nach Hause bringen kann und dass es schon dämmerte. Also beschlossen wir, heute nicht mehr anzufangen, sondern einfach am nächsten Tag wiederzukommen.

Das Fieber war weg und auch der Magen beruhigte sich almählich. Am Dienstagmorgen hätte mir keiner mehr geglaubt, dass ich krank bin, hätte ich nicht noch die Infusionsnadel im linken Handrücken stecken gehabt. Doro und ich machten uns also daheim gemütlich frühstück, bevor wir in mein Krankenhausbett umzogen: Ich drei Infusionen lang am Tropf, beide aufrecht im Bett sitzend, zwischen uns unsere Alphabetisierungsunterlagen und Tagebücher ausgebreitet, hörten wir gute Musik und vertrieben uns die Zeit mit Sinnvollem. Jetzt kann ich nachvollziehen wie absurd es für Doro gewesen sein muss, sich in der ersten Typhuswelle täglich zwei Infusionen abzuholen, obwohl sie keine Symptome gespührt hat! Denn völlig fit am Tropf zu hängen und bei jeder Kontrollrunde ein witziges Pläuschchen mit den Pflegern zu führen war... schon irgendwie komisch...

Aber lieber so, als wenn sich der Rückfall länger gezogen hätte. Ich nehme jetzt noch Tabletten und hoffe, damit meinen anscheinden für tanguiétas Typhusbakterien anfälligen Körper gesund über die Typhuswelle zu bringen. Zwar war der zweite Typhusanfall jetzt nicht lang und nicht schlimm, aber nervig war er schon. Und ganz nebenbei, habe ich nur noch 16 Französischstunden mit meinen Anfängern, um ihnen 13 verbleibende Buchstaben beizubringen. Also, mehr als drei Typhustage sind nicht mehr drin... Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Körper?

 

Einer von unseren Jungs aus dem Ausbildungszentrum hat Geburtstag“, schrieb sie und im Auto wären noch 4 Plätze frei. Wir ließen uns nicht lange Bitten, fragten ob wir die 4 Plätze auch zu fünft besetzen dürften und kauften Kekse für den kleinen beninischen Azubi, der da seinen Geburtstag feiern würde...

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