Montag, 06.11.2017

Ich wollt' ja gar nicht nochmal...

Nach unserer Typhusrunde ging es also langsam wieder aufwärts. Doro und ich waren zwar immer noch nicht so fit, dass wir wie in den ersten Wochen jeden Nachmittag bei einem anderen Freund vorbeigeschneit wären, aber immerhin unterrichteten wir, gingen auf den Markt, kochten, kurz: wir fühlten uns besser. Wenn wir Vita und Miriam begegneten dann mussten wir schon ab und an zugeben: „Heute bin ich irgendwie platt...“ oder „Mein Magen spinnt schon wieder...“, aber meine Medikamente hatte ich schon lange zu Ende und auch Doros letzte Tablette kam langsam in Sicht.

Also gaben wir Selina, unserer Mitfreiwilligen aus dem Debora-Zentrum in der Nachbarstadt Natitengou, Bescheid: Wir sind wieder gesund, du kannst endlich über's Wochenende zu uns kommen!
Also kam Selina am Freitagmorgen zum Frühstück, im Gepäck zwei Säcke Erdnüsse für die Mädchen aus dem Atelier. Ein kleiner Gruß von Maman Marthe. Weil wir viel zu erzählen hatten, verquatschten wir uns promt und schlugen erst eine Viertelstunde zu spät im Atelier auf. Da wir nicht nur die zwei Säcke Nüsse, sondern auch noch eine neue Maîtresse dabei hatten, sahen die Mädels freundlicherweise darüber hinweg.
Den Freitag unterrichteten wir also zu dritt, was besondern den langsamen Rechnern aus meinem Anfängerkurs gut tat.

Den Rest des Tages und auch den Samstag liesen wir ganz entspannt verstreichen, quatschten viel untereinander, tauschten witzige Schulerlebnisse und gute Unterrichtsmethoden aus, saßen im Atelier bei den Mädels oder bei Vita und Miriam. Doro und ich hatten schon länger den Plan mal zu dem kleinen Wasserfall am Ortseingang zu laufen, um zu sehen, ob man dort zur Zeit schwimmen kann. Wir schlugen es den anderen Mädchen als Sonntagsprogramm vor, schließlich waren wir ja alle wieder fit – nur 100% sicher, ob wir schwimmen können würden, das waren wir nicht.

Da hatten wir dann großes Glück, dass Selina keine Mitfreiwillige hat und deshalb von ihrer Mentorin einer jungen Schweizerin vorgestellt wurde, die zur Zeit auch in Natitengou ein Praktikum macht. Die hatte Selina witzigerweise für genau den Sonntag zum Wasserfall eingeladen – nur zu dem in Tanongou, der etwas weiter weg, aber wunderschön ist. (Vielleicht erinnert ihr euch an den Namen oder erkennt den Wasserfall auf den Bildern. Als wir im Februar im Park waren, waren wir dort schwimmen)

Erkennt ihn jemand? Der wunderschöne Wasserfall von Tanongou

Der kleine beninische Azubi holte uns am nächsten Tag in einem wunderschönen himmelblauen VW-Käfer ab. Er war nur nicht ganz so klein, sondern schon 27, auch nicht wirklich Auszubildender, sondern Ausbilder in besagtem Zentrum und Beniner war er auch nicht, sondern Schweizer. Dabei hatte er ein zweites, nicht minder originelles, Auto und Selinas Freundin und fünf andere schweizer 'Jungs'.
Von so einer großen Yovogruppe waren wir dann doch ein bisschen überrascht, aber wir erholten uns schnell von dem Schock und wurden auf die vier Plätze verteilt. Doro und ich landeten zu zweit auf dem Beifahrersitz des Käfers. Da der Beifahrertür die Innenverkleidung fehlt, saß es sich da eigentlich auch ganz bequem. :)

Thomas hat das Platzproblem gelöst, in dem er ein bisschen Gepäck auf's Dach ausgelagert hat...

Tanongou ist einfach wunderschön und es hat super gut getan, nach Monaten herrlichen Sommerwetters ohne Abkühlungsmöglichkeit auch mal wieder schwimmen gehen zu können. Nachdem wir uns alle im Wasser und beim Kraxeln an der Felswand verausgabt hatten, feierten wir Thomas Geburtstag mit einem mehrsprachigen (aber leicht schiefen) Geburtstagsständchen, einem deutsc... pardon einem schweizer Picknick (Salami-Essiggurken-Semmeln und Tomatensalat... Traurig aber wahr, so schmeckt Heimat :P) und einer zweiten Runde Wasserfallplanschen. Danach lockte der Geburtstagskuchen (ein Kuchen! Eine hier absolut seltene Köstlichkeit) und bei einer Runde Räuber-UNO trockneten wir alle gut gelaunt in der Nachmittagsbrise.

Die Reste des Picknicks... Wir hatten sogar Chips! Sachen gibt's, die gibt's hier eigentlich gar nicht! Doro und ich sonnen unsre FüßeDie Anderen kraxeln......und springen danach von der Felswand......ich hüpf lieber aus nicht ganz so hoher Höhe!

Dann war es leider auch schon viel zu früh Zeit, aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Der Tag am Wasserfall war ein schöner Mix aus „Daheim fühlen“ mit deutscher Sprache, UNO und Salamibrot, der herrlichen Natur Benins, Piratenfilm-feeling beim Felswandbekraxeln und In-Klamotten-schwimmen und einfach-eine-tolle-Zeit-mit-coolen-Leuten-verbringen, auf den ich absolut nicht verzichten wollen hätte...

 

...aber vielleicht sollen hätte.

Aber das merkte ich leider erst, nachdem wir uns in Tanguiéta von Selina und den Schweizern verabschiedet hatten und wir bei Vita und Miriam im Wohnzimmer saßen um Bilder auszutauschen. So glücklich ich mit meinem Salamibrot gewesen war, jetzt rummorte der Magen heftig und statt mein Abendessen zu essen schlief ich meinen armen Mitfreiwilligen im Wohnzimmer ein. Doro brachte mich nach Hause, wiegelte die hier übliche Frage „Und, was hast du uns mitgebracht?“ mit „eine hundemüde Anuschka“ ab und brachte mich ins Bett. Am nächsten Morgen wachte ich mit fast vierzig Grad Fieber, Bauchschmerzen und Übelkeit auf. Zu früh gefreut, der Typhus war zurück.

 

Diesmal wussten wir aber, was wir zu tun hatten. Wir waren uns sofort sicher, dass es wieder Typhus sein musste und Doro holte einen befreundeten Zem, um mich, das kleine glühende Häufchen Elend mit der Spuckschüssel, ins Militärkrankenhaus zu verfrachten. Dort wurden wir wie alte Bekannte willkommen geheißen. Ich bekam mein altes Zimmer und wurde erstmal ausgefragt, wie es den anderen beiden Freiwilligen so ginge, und ob wir den Krankenpfleger nicht Miriam heiraten lassen würden. Und bevor ich mir eine angemessene Mitgift ausdenken konnte, waren auch schon mein Fieber und mein Blutdruck gemessen und ich hing an dem Tropf mit dem inzwischen schon bekannten aufdinglichen Multivitaminsaftgeruch. Zugegebenermaßen war ich an dem Tag auch nicht besonders schnell, aber was erwartet man von jemandem mit hohem Fieber.

Der Arzt sah meinen Rückfall deutlich entspannter, als wir. Typhus dauere wohl einfach lange um ganz ab zu heilen und außerdem hingen die Bakterien in Tanguiéta in der Luft. Da könnten wir noch so ordentlich unser Wasser abkochen und unsere Tomaten chloren, manchmal habe man eben einfach Pech. Ob wir nicht gemerkt hätten, wie viele im Dorf krank seien?

Doch, das hatten wir gemerkt, aber das hieß ja noch lange nicht, dass immer ich Pech haben müsse... Beleidigt mit meinem Schicksal schlief ich ein.

Viele Stunden Schlaf, einige liebe Krankenbesuche und vier Infusionen später fühlte ich mich wieder relativ fit. Wir warteten, weil der Pfleger gesagt hatte, eine Infusion käme noch. Dem fiel dann aber auf, dass wir Probleme haben würden jemanden zu finden, der uns im Dunkeln nach Hause bringen kann und dass es schon dämmerte. Also beschlossen wir, heute nicht mehr anzufangen, sondern einfach am nächsten Tag wiederzukommen.

Das Fieber war weg und auch der Magen beruhigte sich almählich. Am Dienstagmorgen hätte mir keiner mehr geglaubt, dass ich krank bin, hätte ich nicht noch die Infusionsnadel im linken Handrücken stecken gehabt. Doro und ich machten uns also daheim gemütlich frühstück, bevor wir in mein Krankenhausbett umzogen: Ich drei Infusionen lang am Tropf, beide aufrecht im Bett sitzend, zwischen uns unsere Alphabetisierungsunterlagen und Tagebücher ausgebreitet, hörten wir gute Musik und vertrieben uns die Zeit mit Sinnvollem. Jetzt kann ich nachvollziehen wie absurd es für Doro gewesen sein muss, sich in der ersten Typhuswelle täglich zwei Infusionen abzuholen, obwohl sie keine Symptome gespührt hat! Denn völlig fit am Tropf zu hängen und bei jeder Kontrollrunde ein witziges Pläuschchen mit den Pflegern zu führen war... schon irgendwie komisch...

Aber lieber so, als wenn sich der Rückfall länger gezogen hätte. Ich nehme jetzt noch Tabletten und hoffe, damit meinen anscheinden für tanguiétas Typhusbakterien anfälligen Körper gesund über die Typhuswelle zu bringen. Zwar war der zweite Typhusanfall jetzt nicht lang und nicht schlimm, aber nervig war er schon. Und ganz nebenbei, habe ich nur noch 16 Französischstunden mit meinen Anfängern, um ihnen 13 verbleibende Buchstaben beizubringen. Also, mehr als drei Typhustage sind nicht mehr drin... Ich hoffe, wir haben uns verstanden, Körper?

 

Einer von unseren Jungs aus dem Ausbildungszentrum hat Geburtstag“, schrieb sie und im Auto wären noch 4 Plätze frei. Wir ließen uns nicht lange Bitten, fragten ob wir die 4 Plätze auch zu fünft besetzen dürften und kauften Kekse für den kleinen beninischen Azubi, der da seinen Geburtstag feiern würde...

Montag, 30.10.2017

Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

Ja, ich weiß, Mädchen müssen alles zu zweit machen. Aber es gibt Fälle in denen der schöne Satz „geteiltes Leid ist halbes Leid“ halt doch nicht zutrifft. Typhusinfusionen zum Beispiel. Die werden nicht besser dadurch, dass man seine Freunde ansteckt. 

Das mit dem Typhus ist eine ganz dumme Sache. Typhusbakterien sind Bakterien mit einem Namen, der stark an Salmonellen erinnert. Man kann sie essen oder trinken oder einatmen und in jedem Falle stellen sie dir den ganzen Körper auf den Kopf.

Ich hatte nur Fieber. Dafür aber lange Phasen über 39 Grad, die dafür sorgten, dass ich die Natte hüten musste und Essen als viel zu anstrengend ablehnte. Als nächstes wurde meine Nach-und Mitfreiwillige Miriam krank. Die fieberte zwar nicht so stark, erbrach sich dafür. Wir teilten das Krankenzimmer im Militärkrankenhaus und die Erschöpfung die die Infusionen hinterließen. Nach drei Tagen war ich im Krankenhaus fertig und auch Miri wieder auf den Beinen. Da klappte ihre Mitfreiwillige Vita zusammen. Ihr brachte der Typhus zwar gar kein Fieber, lies sie aber gar kein Essen mehr bei sich behalten. Auch Vita genießt nun Infusionen in unserem kleinen heimeligen Krankenzimmer im Militärlager. Die Ärzte kennen uns inzwischen schon, man könnte fast meinen sie freuen sich uns zu sehen. Trotzdem sind wir froh, wenn es Vita am Montag endlich wieder so gut geht, dass wir alle unsere Behandlungen von Zuhause weiternehmen können. Dann fange ich auch endlich wieder an zu arbeiten...

Und ihr wisst jetzt, warum es schon wieder so lange gedauert hat, bis ich mich gemeldet habe. Macht euch keine Sorgen um uns, wir sind schon wieder auf dem allerbesten Weg der Genesung! ;)

Die Krankenhausgang!

Nachtrag: 

Der Typhus hat uns anscheinend sehr lieb gewonnen, denn als ich ihn gerade los hatte, hat meine Mitfreiwillige Doro ihn auch noch eingefangen. Glücklicherweise waren bei ihr die Symptome nicht so stark, denn wir anderen drei waren ja auch noch halb krank und keine belastbaren Garde-malades (Krankenbetreuer). Inzwischen ist aber auch das überstanden und wir arbeiten ab dieser Woche beide wieder. 
Es ist schön, wieder bei den Mädels zu sein, nachdem ich 10 Tage das Haus nur für Krankenhausbesuche verlassen hatte. Leider gab's dann auch Probleme mit dem Internetcafé, und deshalb wurde es nochmal deutlich später mit den Blogeinträgen...

Aber keine Sorge, uns geht's gut und in Zukunft hört ihr hoffentlich auch wieder regelmäßiger von mir :)

Montag, 30.10.2017

Willkommen im Centre Deborah

Es ist immernoch sehr viel Trubel und noch dazu war letzte Woche gefühlt das ganze Dorf krank, so dass ich tausend Themen habe, über die ich berichten möchte. Aber immer schön der Reihe nach, beginnen wir mit meiner neuen Einsatzstelle, dem Centre Deborah:
Sie ist von unserem Häusschen bequem gelegen, einmal schräg über die Straße. Dort steht man ersteinmal vor dem ziemlich abweisenden Rücken eines kleinen braunen Häusschens. Wenn man das umrundet steht man auf einer großen Freifläche, die von Mais, der Terrasse des Hauses und einem riesigen Baum eingegrenzt wird. Im Schatten des großen und eines kleineren Baumes stehen normalerweise wildverteilt Tische und Nähmaschinen, an denen eine schwankende Anzahl junger Frauen arbeitet. Etwas über 20 Mädchen werden hier von Maman Marthe und ihrer Ausbilderin Bettie in der Herren- und Damenschneiderei ausgebildet. Es sind aber nicht immer zu jeder Uhrzeit alle da. Mal wurde eine nach einer besonderen Rolle Faden, mal eine fürs Essen auf den Markt geschickt, mal wird eine von den Mädels zuhause gefordert. Ein paar haben schon eigene Kinder, die zwischen den Nähmaschinen miteinander im Sand spielen und allgemein verhätschelt werden. 

Leider heißt dass nicht, dass die Azubi-Mamans ungewöhnlich alte Azubis sind, sondern ungewöhnlich junge Mütter. Maman Marthe begreift ihre Ausbildung nämlich als Hilfe für Mädchen in schwierigen Situationen. Oft sind sie zu früh verheiratet worden oder vor einer Kinderehe geflohen, um im Centre Deborah Unterschlupf zu suchen. Unsere Neuste ist letzte Woche mit etwa 14 Jahren zu uns gekommen, um nicht heiraten zu müssen. In vielen Großfamilien ist das leider immer noch üblich, auch wenn immer mehr ältere Frauen versuchen gegen das Phänomen zu kämpfen. In der eigenen Familie traut man sich dann doch selten was zu sagen...

Die Mädchen, die bei  uns sind, haben es geschafft, wenn sie die Ausbildungszeit durchstehen, dann haben sie das Wissen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ihr eigenes Geld verdienen. Damit sie sich damit nicht verzetteln, helfen Dorothea und ich ihnen jetzt mit Mathe und Französischkursen. Wir haben jeweils die Anfängergruppen, die gerade das „e“ und Plusrechnen übern Zehner lernen und die Fortgeschrittenen, mit denen wir flüssiges Lesen und eigenständigeres Schreiben lernen. Und natürlich etwas kompliziertere Mathematik machen. 

Da Maman Marthes Mann, ein Assemblée de Dieu Pastor, vor einigen Jahren von Tanguiéta nach Natitengou versetzt wurde, hat Marthe ein zweites Zentrum in Nati aufgebaut und ist nur noch einmal die Woche in ihrer tanguietanischen Zweigstelle. Deshalb kooperiert sie mit einem Herrenschneider von ums Eck, der den Mädels hier die wichtigsten Kniffe zeigt. Natürlich unterrichten wir dann auch seine Azubis mit, ein paar Jungs, die teilweise noch jünger sind als uns're Mädels. 

Mein Fortgeschrittenen-Kurs und ich in Aktion Da schreiben sie ganz brav! Und was lernen wir heute, Baby? Intensivierungsunterricht: Zahlenlesen. Plus-Rechnen kann sie damit nämlich schon... Die ersten Buchstaben haben meine Anfänger schon drauf. Und ich bin so stolz auf sie!

Nur Mittwochnachmittags lassen wir die Jungs außenvor und schnappen uns alle Mädchen für eine Projektstunde. Denn da sollen sie ganz frei von Scham alles sagen und fragen können, was sie informiert. Zur Zeit sprechen wir über unseren Körper, Ernährung, Krankheiten und wie alles drei zusammenhängt. Später wollen wir über Sexualität und Hygiene reden, da würden Jungs nur stören. Und natürlich haben wir alle gemeinsam schon Spaßeinheiten geplant – Vom Fotoshooting bis zu gegenseitigen Tanzkursen...

Frauenpower in der Projektstunde. Thema heute:

Die Arbeit macht ungeheuer Spaß, vor allem weil die Mädchen uns ein bisschen mehr als ihresgleichen sehen als als Lehrerinnen. Sie rufen uns zwar Maîtresse, duzen uns aber und wir scherzen gemeinsam herum. Wenn Mittags in der Pause die Nähmaschinen stillstehen, dann helfen die Mädels uns auf unseren ersten Schritten in Richtung Schneiderei: 

Erste Versuche, unter Betties Aufsicht Nicht weinen, das wird schon noch klappen!

Freitag, 06.10.2017

"Wir haben ja den Nachmittag frei..."

Wie so oft muss ich mich entschuldigen, dass ich mit meinem Blogeintrag so getrödelt habe. Natürlich, es gab unglaublich viel zu tun und gleichzeitig super viel zu erzählen: Wir sind vollständig umgezogen, das Haus ist fertig eingerichtet und -am Wichtigsten- wir haben angefangen zu arbeiten. Doro und ich sind ständig auf Achse, aber wenn man ganz ehrlich ist, sind wir gar nicht so fleißig wie man vielleicht denkt. Deshalb möchte ich euch, bevor ich in den nächsten Einträgen das Centre Deborah und unsere Arbeit vorstelle, einen Nachmittag lang mitnehmen:

Mittags essen wir im Schneiderzentrum, gemeinsam mit drei der Azubis und Bettie, der Ausbilderin. Unsere Mahlzeiten sind einfach, aber lecker und weil ich sowieso weder Fleisch noch Fisch mag, bin ich sehr glücklich damit. Während wir essen machen die letzten der anderen Schneidermädels ihre Arbeit fertig und machen sich auf den Heimweg, denn von 12 bis 15 Uhr ist Mittagspause. Also sind die Nähmaschinen nach dem Essen frei – was Doro und ich ausnutzen. In der letzten Woche haben wir uns aus ein paar Metern billigem Stoff Vorhänge für unser neues Häusschen genäht. Wenn wir nicht nähen trödeln wir so noch ein bisschen bei unseren Mädels herum, bis wir uns schließlich aufraffen und in Richtung Markt losziehen.
Auf dem Weg diskutieren wir, was wir denn überhaupt heute Abend kochen wollen. Wir sind ganz schön experimentierfreudig geworden und brauchen oft den ganzen Weg zum Markt, bis wir uns auf das perfekte Abendessen geeinigt haben. Nebenher grüßen wir die Azubis der muslimischen Herrenschneiderei nebenan, die Frau an der Mühle und verdrehen gleichzeitig die Augen, wenn wir an dem großen Baum vorbeikommen, unter dem immer eine Gruppe Kinder spielt, die auf uns zurennen und „Batule, batule!“ schreien, sobald sie uns sehen. Allerdings müssen wir auch gleich wieder grinsen: Ich, weil gleich daneben eine Sau mit unglaublich süßen schwarzen Babyferkeln wohnt und Doro, weil sie jedes Mal wieder darüber lachen muss, dass ich die Ferkelchen viel begeisternder finde als die Kinder...
Dann weichen wir den Boulspielern aus und erreichen das Eck vom Marktviertel. Hier halten wir immer ein kurzes Pläuschchen mit dem alten muslimischen Maler und seiner Schwester. Er hat Doro und ihrer vorherigen Mitfreiwilligen Lena bei einem Projekt in der Schule geholfen und ist ein unheimlich süßer Mensch. Seine Schwester verkauft neben seinem kleinen Atelier frische frittierte Teilchen. Wir gönnen uns jeder ein Gebäck und wenn sie gut gelaunt ist bekommen wir ein zusätzliches geschenkt. Knabbernd laufen wir weiter, an den Ständen mit Nattes und Plastikeimern vorbei und biegen beim Fisch links ein. Wir stürzen uns ins Marktgetümmel, normalerweise auf der Suche nach Tomatenpate (die Tomatensoße, die bei uns in Dosen verkauft wird und hier in kleinen Plastiktütchen für 25 Francs) und allem frischen Gemüse, das wir finden können. Ohne Kühlschrank können wir ja nichts wirklich aufheben und müssen deshalb für jedes Essen die meisten Sachen frisch einkaufen. Wir trödeln oft ein bisschen, tauschen mit allen Marktfrauen Grußformeln aus und werfen einen schnellen Blick auf die neusten Pagne. Und nach Hause gehen müssen wir ja auch noch. Auf dem Rückweg kommen wir an dem Haus von Doros alter Gastfamilie vorbei und wenn wer draußen sitzt, setzen wir uns auf eine Portion Bisapsaft dazu.

Da ist es dann schnell mal nach vier, bis wir nach Hause kommen. Nach einem stundenlangen Marktausflug in der flirrenden Nachmittagshitze wünscht man sich nichts anderes als eine kalte Dusche. Aber wir können ja auch nicht unhöflich sein, also drehen wir eine schnelle Runde durch den Hof uns sagen den Nachbarn, die draußen sitzen Hallo. Vor allem dem jungen Mann von schräg gegenüber, der das kleine Baby seiner Schwester hütet. Sein Name ist ein bisschen kompliziert auszusprechen, deshalb nennen wir ihn Galette (das ist eigentlich eine Süßigkeit). Da er den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat als auf den kleinen und unendlich süßen Fahid aufzupassen und ein bisschen den Haushalt seiner Schwester zu führen, sitzt er oft im Hof und wir setzen uns gern ein paar Minuten dazu, um mit ihm zu reden und mit dem Baby zu spielen.

Schließlich fühlen wir uns aber doch reif für die Dusche. In unserer Dusche gibt es keinen Wasserhahn, sondern wir müssen uns das Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Glücklicherweise ist der aber nur fünf Schritte vor unserer Haustür. Wir haben eindeutig die beste Wohnung in unserem Hof erwischt ;)
Wenn wir uns abgekühlt und umgezogen haben, hätten wir meistens große Lust uns für ein Stündchen auf unsere Natte zu legen, aber wenn wir uns in unserem Wohnzimmer umsehen finden wir eigentlich immer etwas, was man vorher noch schnell tun muss. Aufräumen zum Beispiel, oder das Geschirr von gestern abspülen und einmal durchfegen. Außerdem müssen wir ja noch den Unterricht für morgen vorbereiten. Wir setzen uns also an den Tisch, schlagen unsere Hefte auf und beginnen zu überlegen. Da klingelt mein Handy. Es sind Vita und Miriam, unsere Nachfreiwilligen. Weil sie diese Woche zum allerersten Mal unterrichten müssen haben wir versprochen abends über ihre Unterrichtsvorbereitungen drüber zu sehen. Die beiden wohnen gleich ums Eck und sind deshalb auch ein paar Minuten nach dem sie angerufen haben da und sitzen mit uns am Tisch, wir haben noch mehr Hefte vor uns und diskutieren nicht mehr nur 4, sondern 10 Unterrichtsstunden für den nächsten Tag. Zwischendurch müssen wir uns natürlich erzählen, was so passiert ist, seitdem wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Dabei fällt Doro ein, dass es ja schon spät wird und sie seilt sich ab um in der Küche klar Schiff zu machen und mit dem Kochen anzufangen.
Da ruft es von draußen „Ko-ko-ko“, die beninische Art zu klopfen. Wir laden die Gäste mit der üblichen Antwort „Mä-mä-mä“ ein herein zu kommen. Natasha ist da, eine Freundin von Doro, die wir gestern getroffen haben und die uns fest versprochen hat heute vorbei zu kommen. Zu unserer Überraschung ist sie aber nicht alleine gekommen, sondern hat ihre Schwester und zwei Cousins dabei. Da wir ja eigentlich Unterricht vorbereiten, Vita und Miriam helfen und kochen gleichzeitig drücken wir ihnen die Ukulele und die Gitarre in die Hand. Die vier bilden eine kleine Band und wir werkeln vor uns hin. Ich integriere die Mädels in meine Unterrichtsvorbereitung, weil ich für meinen fortgeschrittenen Alphabetisierungskurs Bilder male, die sie morgen beschreiben sollen. Ich male, die Schwestern malen aus, Doro kocht, Vita und Miriam diskutieren ihren Unterricht und die Jungs machen Musik.
Es klopft. Wir rufen Mä-mä-mä und herein kommt der kleine Bruder unserer Gäste, der in etwa unser Alter ist und mit dem wir gerne was machen. Er hat Doros neue Schlagzeugstöcke mitgebracht, setzt sich zu seinen Cousins und klopft auf dem Boden den Takt. Inzwischen sind wir 9 Personen im Wohnzimmer: Ich male, die Mädels malen aus, Doro kocht, Vita und Miriam diskutieren ihren Unterricht und die Jungs machen Musik.
Das Essen ist fertig, Doro verteilt drei Teller. Einen für mich, einen für sie und einen riesigen mit vielen Gabeln für die Gäste. Der Junge mit der Ukulele und ich können aber noch nicht essen, denn ich muss ihm noch ein paar andere Griffe zeigen. Und Miriam singt den anderen die Melodie von Hallelujah vor, schließlich haben wir da die Akkorde und wollen es zusammen spielen. Ich spiele Ukulele, Natascha malt, Doro isst, Vita und Miriam singen, die Jungs hören zu und summen mit...
Endlich komme ich auch zum Essen. Die Jungs spielen inzwischen besser Ukulele als ich, obwohl das Instrument gestern noch gar nicht kannten. Doro hat ihre Rasseln geholt und unsere kleine Musikgruppe klingt immer besser. Ich esse, Natascha spitzt Stifte, Vita und Miriam singen, die Jungs machen Musik und Doro bekommt Schlagzeugunterricht mit den zwei neuen Stöcken auf dem Boden.
Vita und Miriam werden müde und verabschieden sich langsam. Der Unterricht ist nur halb vorbereitet, aber das wird schon passen, immerhin war der Abend schön. Die Familie schließt sich den Beiden an, immerhin ist es schon halb elf und wir alle müssen uns noch auf den Unterricht für morgen vorbereiten, die einen als Lehrer, die anderen als Schüler. Die Gäste gehen heim, ich räume zusammen, Doro bereitet Unterricht vor. Es klopft.
Einer der jungen Schneider, die wir am Mittag gegrüßt haben kommt kurz vorbei, „nur um uns kurz zu grüßen“. Wir bitten ihn herein, es ist noch essen da, das wir ihm anbieten. Ich räume `rum, Doro macht Konversation und der Schneiderboy isst. Es klopft.
Vor der Tür steht ein Zemfahrer, mit dem wir seit ein paar Tagen befreundet sind. Als er neulich da war hat er gesehen, wie ich eine kleine Wunde an Miriams Bein verarztet habe. Er hat sich verletzt und bittet uns um Hilfe. Doro wäscht die Wunde aus, ich werkle rum und der Schneiderboy isst. Es klopft.
Diesmal sind es Sarah und Pauline, zwei Vorfreiwillige, die zur Zeit zu Besuch in Tanguiéta sind. Weil wir in der Wohnung mehr als genug Platz für zwei haben, haben wir sie eingeladen während ihres Besuchs bei uns zu schlafen. Sie kommen ziemlich erschöpft von ihrem Ausflug heim und gehen direkt ins Bett. Das würden wir auch gern, aber wir haben ja noch Besuch. Der Zem ist nachdem er fertig verarztet wurde ziemlich bald nach Hause gegangen, aber der Schneiderboy ist noch da. Uns sind ziemlich schnell die Gesprächsthemen ausgegangen, aber das stört ihn nicht. Er sitzt zufrieden bei uns und hört Musik, während Doro jetzt endlich ihren Unterricht fertig vorbereitet und ich begonnen habe diesen Blogeintrag zu schreiben. Er hört Musik, Sarah und Pauline schlafen, Doro arbeitet und ich tippe.

Es ist halb ein Uhr nachts. Schließlich geht der Schneiderboy doch endlich heim, wir überblicken zähneputzend unser Chaos und beschließen: „Aufräumen tun wir morgen. Schließlich haben wir ja den Nachmittag frei...“

 

PS: Mal wieder fällt es mir schwer euch Bilder zu zeigen, wenn wir tolle Erlebnisse mit Freunden haben, dann wollen wir den Augenblick nicht zerstören, um schnell die Kamera zu holen. Aber ein paar gibt's doch...

Der besagte Nachmittag. Das Bild war eigentlich gar keine Absicht, deshalb die schlechte Qualität Doro und unser treuester Besucher: Die Katze Wer zu besuch kommt, darf mitessen. Die Katze feiert Nudeln mit Pesto genau so sehr wie wir!

 

Freitag, 22.09.2017

On est là?

Die Frage im Titel stellen dir Beniner gerne, wenn man irgendwo `rumsitzt und sie dazu kommen. Am Anfang (und auch heute noch) hat es in mir immer den kleinen Reflex gereizt, `nein, ich tu nur so´ zu antworten, aber zum heutigen Blogeintrag passt sie eigentlich.
Denn dieser Eintrag hat kein wirkliches Thema. Ich bin inzwischen im Norden angekommen, wo Doro und ich mit den neuen Freiwilligen in Natitengou bei einer deutschen Missionarin und dem Direktor des Assemblé-de-Dieu-Collèges unser Einführungsseminar haben. Für Doro und mich ist natürlich vieles schon bekannt, aber es macht uns trotzdem Spaß. Viel Zeit, einen ordentlichen Blogeintrag zu schreiben hatte ich aber nicht. Trotzdem dachte ich mir, ich feiere die erfolgreiche Reparatur meines Laptops mal damit, euch ein paar Fotos zu senden:

 

In Pobè haben wir mit den letzten Spenden, die von Mamans OP übrig waren, die Schlafsääle gestrichen. Außerdem stehen die Schränke endlich. Schön schaut`s aus, oder?

Das Jungszimmer nach dem Streichen bei den Mädels ist es enger, aber nicht weniger hübsch gestrichen! die Duschen sind blau, damit meine Nachfreiwilligen mit den Kindern Unterwasserlandschaften hineinmalen können. Das wird bestimmt super schön! Auch Mamans Zimmer ist jetzt viel gemütlicher

  Der Hof mit Mauer, Tor und neuem Hühnerstall. Und Maman beim Fegen

Mamans Mutter hat auf ihre alten Tage nocheinmal geheiratet. Als `Enkeltochter´ (bzw treffender: Tochter der Tochter) konnte ich mich natürlich nicht lumpen lassen. Da wir drei, Maman, Doro und ich, uns eine Festtagsuniform schneidern ließen, gibt es endlich ein Foto, auf dem ich euch Doro vorstellen kann! :)

Maman füttert mich mit Hochzeitstorte  Riesendoro und Minianuschka ;)

Danach waren Doro und ich in Cotonou um die Visa zu verlängern. Natürlich verknügten wir uns auch ein bisschen in der Zeit. Hier zum Beispiel stampfen wir bei einem Bekannten Yams, bis wir unser Lieblingsessen hergestellt haben: Ignam Pilée mit Erdnusssauße und Pöll-Käse. Einfach unschlagbar!

Doro und ich fleißig am Stampfen schickes Ignam pilée, selbstgestampft

Und schon ist meine  Zeit im Norden vorbei und das Seminar geht los...

Doro, Selina, ich, Vita und Miriam in der Seminar-Pause  Programmpunkt `afrikanischkochen mit Madame Direktor´ als alter Hase darf ich sogar mörsern und zeige meinen Mädels natürlich, wie`s geht Doro fritiert derweil das Hühnchen

 

So, heute Abend entdecken wir unser neues Häusschen. Bis bald,

Eure Anuschka!

Freitag, 08.09.2017

365!!

Am achten September 2016 sind wir aus dem Flugzeug gepurzelt...

Und heute, genau ein Jahr später, sass ich wieder auf gepackten Koffern, wieder mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Und wieder war es meine Mama(n), die mich als letztes in den Arm nahm, bevor es los ring. Allerdings war es diesmal meine beninische Mama und auch nur ein Motorrad, kein Flugzeug.

Trotzdem geht jetzt mein neues FSJ endlich los: ich habe mich von Pobè verabschiedet. Eigentlich hatte ich immer geplant, so lang wie möglich bei den Kindern zu bleiben und vielleicht sogar meine Nachfolgerinnen an ihren ersten Tagen zu begleiten. Vor etwa einem Monat war klar, dass Ellen und Mareike so spät fliegen werden, das ich nicht mehr mit ihnen nach Pobè kann. Statt die Kinder in ihrer Obhut zu lassen, müsste ich einfach so gehen. Die neuen Tatas würde ich zwar ankündigen, aber die Kinder würden mich trotzdem nicht gehen lassen wollen. Natürlich freue ich mich jedes Mal, wenn die Kinder mir sagen : "bleiben Sie doch!" Aber dieses Mal, wenn ich nicht sagen kann "ich komm ja bald wieder", würde es sicher hart werden...

Also habe ich in letzter Minute meine Pläne geändert, gestern den ganzen Tag meine Koffern gepackt und bin schon heute Früh gefahren, bevor alle Kinder aus den Ferien kamen.

Herman ist gestern schon ins Waisenhaus zurückgekommen. Gestern Abend, Abigaël schlief zwischen uns gekuschelt, habe ich versucht ihm zu erklären, warum ich schon gegangen bin. Er wird versuchen seinen Kameraden zu erklären, dass ich gerne an unser Fest denken möchte, wenn ich an unseren Abschied denke, weil wir alle glücklich waren. Und wenn ich jetzt ganz alleine gehen müsste, dann müsste ich wohl weinen. Und -da gibt er mir recht- es ist nicht gut, wenn eine grosse Person vor allen Kindern weint. Und deshalb bin ich heute vor meinen Kindern geflüchtet...

Mitte der kommenden Woche kommen die Neuen, die 'bébés volontaires' wie wir sie zur Freude unserer beninischen Freunde getauft haben. Ich freu mich schon. Und gleichzeitig haben meine Mitfreiwilligen in Gera ihr Nachbereitungsseminar, ohne Doro und mich. Ein komisches Gefühl!

Zugegeben, so viel Neues habe ich euch nicht erzählen können, aber ich dachte mir: den 365ten Tag in Benin kann ich nicht einfach so verstreichen lassen!

Eigentlich hatte ich vor nochmal einen Jahresrückblick in Bildern hochzuladen. Aber leider weigert sich meine Laptop zu arbeiten. Das mit dem 'Ende' hat er falsch verstanden, fürchte ich... Also müsst ihr leider mal wieder ohne Bilder auskommen. Und bitte entschuldigt alle Rechtschreibfehler, ich tippe von einem Handy mit französischer Tastatur...

Dann bleibt mir nur, euch die allerbesten Grüsse zu senden! Bis in 6 Monaten, ich freu mich doch schon ein kleines Bisschen auf's Heimkommen :o)

Dienstag, 08.08.2017

Deutschland, ich komme...

 

...so schnell wohl noch nicht nach Hause! Langsam wird’s doch mal Zeit euch zu beichten, was die meisten von euch vermutlich schon wissen:
Meine Zeit mit den Kindern im „chants des oiseaux“ ist vorbei, mein FSJ in Südbenin ist vorbei und ich müsste eigentlich schon seit langer Zeit mein Rückflugticket in den Händen halten.
Ja richtig, „müsste“. Denn ich werde nicht fliegen. Statt einem Wunschtermin für die Rückreise habe ich vor einem Monat den unterschriebenen Vertrag für meine Verlängerung an Kinderhilfe geschickt.

Während die Anderen mit immer größerem Entsetzen ihre letzten Tage bis zum Flug zählen, warte ich gespannt auf neue Nachrichten von Dorothea.
Dorothea kommt eigentlich aus Freiburg, ist aber letzten September mit mir zusammen nach Benin gekommen. Seitdem wohnt sie mit ihrer Mitfreixilligen Lena im hohen Norden Benins. Sie unterrichten an einer religiösen Schule in Tanguiéta Deutsch und Englisch und geben Alphabetisierungskurse. Ein paar Häusschen neben der Schule wohnen sie. Im Februar waren Anusha, Yari und ich die Beiden besuchen. Wir wurden nicht nur von ihnen, sondern auch von einer ganzen Menge Freunde und Bekannte herzlichst empfangen. Die Anderen waren teilweise schon genervt, dass wir kein einziges Essen in Ruhe essen konnten, sondern ständig die Löffel weglegen mussten, um irgendjemandem Hallo zu sagen, der nur ganz kurz mal vorbeigeschneit war. Ich dagegen war begeistert! So hatte ich mir mein FSJ vorgestellt: Nicht nur für meine Arbeit leben und den Nachbarn ab und an zuwinken, wenn man sie sieht, sondern Freunde finden, mit denen man Quatsch machen und Unsinn reden kann.

Im Spaß sagte ich zu Doro: „Hier würd' ich länger bleiben...“
Eigentlich meinte ich damit, dass ich gerne länger Ferien bei ihr in Tanguiéta machen würde, bevor wir zum Zwischenseminar aufbrechen würden. Sie verstand das ein kleines bisschen falsch und meinte: „Ja, ich auch. Aber Lena kann nicht länger bleiben... und ein Jahr ist ganz schön lang...“
Wir liesen das Thema in der Luft hängen, bis uns Sarah auf dem Zwischenseminar sagte, dass man weltwärts nicht nur wie gedacht für 12, sondern auch für 6 Monate verlängern kann. Nach der Einheit standen wir zwei vor dem Seminarraum: „und wenn wir zwei zusammen für sechs Monate verlängern..?!“ Die Schmetterlinge in unserem Bauch tanzten Afrobeat vor Vorfreude.

Natürlich konnten wir das so schnell nicht entscheiden. Unsere Eltern mussten um Rat gefragt werden und Torsten, der Chef von Kinderhilfe um Erlaubis. Da wir kein ganzes Jahr verlängern, können wir nicht einfach eine vorhandene Stelle übernehmen, denn die wäre ja dann 6 Monate nicht besetzt. Also mussten wir uns umhören nach einem Arbeitsplatz und nach einer Wohnung.
Deshalb warte ich so gespannt auf Neues von Dorothea. Da sie in Tanguiéta vor Ort ist, organisiert sie alles. Inzwischen haben wir sogar schon eine schicke kleine Dreizimmerwohnung – nur Möbel fehlen uns noch. Arbeit haben wir auch: Wir werden in einem Ausbildungszentrum für Schneiderinnen arbeiten und versuchen in den 6 Monaten den jungen Frauen, die Analphabetinnen sind oder Probleme mit Französisch und Mathematik haben, weiter zu helfen. Für mich, das kleine Panje-Suchtel, ist die Stelle in der Schneiderinnenausbildung natürlich der absolute Traum. Ich hoffe sehr, dass ich mich auch ab und an in den Unterricht mit reinsetzen und ein bisschen was lernen kann. Schließlich steht in Pullach im Keller eine Nähmaschine und ich würde mir meine Klamotten nur ungern wieder von der Stange kaufen müssen, wenn ich nach Hause komme...

Naja, jetzt habe ich es euch endlich gesagt! Wie genau es weitergeht weiß ich aber leider auch noch nicht. Noch pendel ich zwischen meinen Freunden in Cotonou und meiner Maman in Pobè hin und her, weil ich mit beiden so viel Zeit wie möglich verbringen möchte. Drei von uns 8 Südmädels haben wir schon verabschieden müssen, die nächsten drei fliegen am Wochenende. Yari und ich bleiben dann noch bis zum 28. zusammen. Eigentlich planen wir, meine Maman mit nach Porto Novo zu nehmen um mit beiden Gastfamilien, die wir unglaublich gerne mögen, Zeit verbringen zu können. Dann werden Lena und Doro in den Süden kommen, denn Yari und Lena fliegen gemeinsam nach Hause. Doro und ich werden dem Flugzeug winken – und dann plötzlich ganz alleine sein...

Neben so langweiligen Sachen wie 'unser Visum verlängern' werden wir hoffentlich auch die neuen Schränke der Kinder bemalen und eventuell noch ein bisschen mehr streichen, je nachdem wir es mit meinen Spenden jetzt, nachdem Mamans OP komplett durch ist, aussieht. Und zwischendrinn werden wir wahrscheinlich ein bisschen Tourismus machen, bevor wir Mitte September wieder am Flughafen stehen werden, um die neuen Freiwilligen ab zu holen. Und dann geht’s hoch in den Norden, auf in ein neues FSJ, in ein neues Abenteuer, in hoffentlich weitere wunderschöne 6 Monate voller neuer Erfahrungen in diesem tollen Land!

Ich würd' mich freuen, wenn ihr weiterlest und mich weiterhin unterstützt. Meine beiden Nachfreiwilligen Ellen und Mareike werden leider keinen Blog führen, aber sie schreiben Rundbriefe. Wer auch im kommenden Schuljahr Neuigkeiten von den Kindern bekommen möchte, schreibt mir am Besten seine E-Mailadresse, dann sorge ich dafür, dass die Mädels euch in ihren Verteiler aufnehmen.

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Sommer! Wir sehen uns im Februar... Diesmal dann wirklich ;)

 

Lena, Anusha, Doro und ich (v.l.) im Februar. Gar nicht so leicht, gemeinsame Bilder zu finden ;)

 

Samstag, 29.07.2017

Zwanzig sind schon heim gefahr'n, da waren's nur noch zwei!

 

Irgendwann saßen wir alle zusammen im Wohnzimmer, Mémé und Pépé, die Sektretetärin, Maman und ich und kamen dabei darauf zu sprechen, dass das Jahr sich dem Ende zu neigt. Wann die Kinder in die Ferien zu ihren verbliebenen Verwandten gehen sollten und wie lange ich noch in Pobè sein würde. Und da meinte Mémé plötzlich: „Ach genau, und wann machen wir das Abschiedsfest?“
Wir waren relativ verblüfft, von welchem Fest die Rede sein sollte, aber sie lies sich davon nicht aus der Ruhe bringen, sondern verteilte Aufgaben: Sie würde mit Maman kochen und ich den Tag raussuchen und alle meine Freunde einladen. Ich rief also die anderen Volontaires an und lud sie ein am 28., dem Tag bevor die Kinder in die Ferien gehen sollten, nach Pobè zu kommen...

Am 28. selber waren die Kinder schon beim Aufstehen ganz hibbelig. Als ich morgens um sieben den Jungsschlafsaal betrat strahlten mich schon drei hellwache Jungsgesichter an: „Tata? Heute ist das Fest, oder? Und morgen gehen wir in die Ferien?“
Den ganzen Morgen schwirrte das Haus vor lauter Vorbereitungen: Es wurde geputzt und aufgeräumt und verstaut. Ich hatte den Mädchen schon vor Wochen versprochen, ihnen zur Feier des Tages die Finger- und Fußnägel zu lackieren und musste mein Versprechen natürlich halten. Fairerweise bekamen auch die Jungs ein paar Nägelchen lackiert und ich konnte mich natürlich auch nicht lumpen lassen. Also war ich den Vormittag über damit beschäftigt, etwa 180 Nägel zu schneiden und rot zu bepinseln...
Den Kindern wurde das Warten lang! Da kam das Mittagessen und immer noch waren weder Mémé und Pépé noch die anderen Tatas gekommen! Sie aßen grummelnd...
Später wurden sie immer verzweifelter, weil sie mutmaßten, die Feier würde gar nicht mehr stattfinden, denn es sei ja schon 14 Uhr...

Und dann, endlich, waren die Gäste da!

Malaria und dringende Reisepläne sorgten dafür, dass die Mädels, die mich und die Kinder über's Jahr schon besucht hatten, alle nicht kommen konnten, dafür freute es mich um so mehr, dass Desi und Elo aus dem anderen Waisenhaus in Mougnon und unsere Vorfreiwillige Karline die Chance nutzten, auch mal vorbei zu schaun.
Wie man es von Familienfeiern kennt, begann das Fest mit einem riesengroßen Essen: Französische Küche für die Volontaires und Festtags-couscous für die Kinder.

Französisches Essen für uns und Pépé Onkel Athanase isst lieber bei den Kindern

Dann übernahmen die Tatas das Programm: Karline hatte mir, als sie ein paar Wochen vorher hergeflogen war, Gummibärchen-Schnuller mitgebracht. Also bewaffneten wir drei der Tatas mit einem Stock und einer Schnur (und die vierte mit dem Fotoapperat), teilten die Kinder in drei Gruppen auf und spielten Gummibärchen-schnappen:

Ich agelte mir ein paar ganz kleine Fischchen... Tata Elo lässt die Mittleren laufen. Ups, da wurde Marie vom Gummibärchen überfahren! Angebissen! Und Desi spielt mit den Großen. Fofo und der Chauffeur wollten aber leider doch nicht mitspielen... Wenn's um Gummibärchen geht, muss man alles geben!

Als alle Gummibärchentüten leer waren holte ich mein nächstes Geschenk: Ich hatte ihnen Äpfel gekauft. Ich weiß, dass Äpfel in Benin teuer und echte Luxusprodukte sind, aber mit so einer heftigen Reaktion der Kinder hätte ich nie gerechnet – als sie die Äpfel sahen brachen sie in wilden Jubel aus und führten einen waren Freudentanz auf. Aber Tata wäre nicht Tata, wenn sie die Äpfel einfach so verteilen würde. Stattdessen schmiss ich sie in eines unserer Wasserbassins und lies sie die Kinder wieder raustauchen...

Was für die Großen ein kurzer Spaß war... ...war für die Kleinen fast unmöglich, ohne sich komplett ins Bassin zu legen ;) Und der Kleinsten musste ich helfen... schwupps, geschafft und sofort von allen Kindern umsorgt und getrocknet... sind sie nicht lieb! Dadi mit dem von mir getauchten Apfel Abigaels und Atéis erster Apfel in ihrem Leben. Sogar die Köchin lässt sich nicht lumpen - und taucht ihren Apfel fast genau so schnell heraus, wie ich

Danach mussten wir eine kleine Pause einlegen, damit jeder seinen Apfel aufessen und wieder ein bisschen trocken werden konnte. Und dann wollten wir Stoptanz spielen. Stopttanz ist auf Deutschen Kindergeburtstagen ja immer ein ein bisschen anstrengendes Spiel: Es gehört ja irgendwie dazu, aber es ist meistens sehr schwierig, die Kinder dazu zu bringen, ordentlich zu tanzen. In Benin ist das keine Sache. Dafür ist es da komplett unmöglich, die rausgefallenen Kinder zum Hinsetzen zu bringen. Wir liesen also irgendwann den Stopttanz Stopttanz sein und tanzten einfach mit den Kindern was das Zeug hält...

Der kurze Limbo-Versuch... Das hat auch nicht geklappt  Der Vorteil von Stoptanz: Man kann besser fotografieren! Selbst der kleine Antoine tanzt schon mit Tata Karline Damenwahl! richtiges Tanzen ist aber schwer zu fotografieren - und ich wollte ja mittanzen!

Schließlich konnte wirklich niemand mehr, wir hatten zum zigtausendstenmal 'Terre-terre' gehört (das Lieblingslied der Kinder) und die Sonne war auch schon untergegangen. Desi und Elo hatten noch Kaugummis für die Kinder, also wollten wir reingehen um Topfschlagen zu spielen. Da fiel mir ein, dass meine Mutter den Kindern 4 Comics, einen Erstlesekrimi, Kurzgeschichten vom kleinen Nick und eine Comic-Bibel geschickt hatte. Ich nahm die Bücher also auch mit ins Wohnzimmer, um sie kurz herzuzeigen. Als ich gerade ansetzen wollte, um Topfschlagen zu erklären, meinte die große Christine: „Zeigen Sie mal kurz, bitte...“ und nahm mir die Bibel aus der Hand. Die Kinder kuschelten sich also in Grüppchen zusammen und die Großen lasen den Kleinen die Comics vor. Meine größten Mädels schnappten sich sogar den Krimi und haben ihn inzwischen schon fast ganz gelesen (das ist das erste richtige Buch, dass sie neben der Bibel und Schulbüchern je angefasst haben! Ich bin ein bisschen stolz auf sie)

So klang der Abend noch ganz ruhig aus... Onkel Herman liest den kleinen Mädels aus der Bibel vor.
Wir vier machten große Augen, sagten aber nichts, sondern ließen sie friedlich lesen, setzten uns zusammen und plauderten so lange, bis alle anderen Schlafen gegangen waren und wir auch in unsere Betten krochen...

 

Am nächsten Tag kamen wir Tatas relativ schwer aus den Betten. Wir waren alle sehr lange auf gewesen und uns kam es super früh vor, als die Kinder – wie immer- um sieben Uhr morgens beteten und dann laut lachend und schwatzend den Hof vor unsrem Fenster kehrten. Die Kinder waren deutlich besser gelaunt aus den Hochbetten gepurzelt, als wir: Heute war der große Tag! Alle Verwandten würden da sein, es würde nochmal ein Festessen geben und dann würde es heißen: „Auf Wiedersehen, macht es gut und genießt die Ferien!“

Während die ersten großen Brüder eintrudelten, verabschiedeten wir Desi und Elo, die schon große Sehnsucht nach ihren eigenen Waisenkindern hatten. Außerdem war Elo neulich krank gewesen und hatte am morgen einen leichten Rückfall. Maman und ich brachten sie also vorsichtig zum Taxi, damit sie so schnell wie möglich heim und in ihr Bett konnte.
Dadurch verpassten wir den offiziellen Teil, in dem Reden gehalten und Hände geschüttelt wurden. Mit dem Gruppenfoto wurde aber auf mich gewartet, also war ich nicht sonderlich traurig darüber ;)

Ein Gruppenfoto mit lauter Kindern und älteren Beninern (die aus Prinzip nie auf Bildern lächeln) ... gar nicht so einfach!

Dann gab es für alle Riz Créole mit Fisch und Karline, mein Gastonkel Athanase und ich vertrieben uns die Zeit damit, zu raten welcher Verwandte zu wem gehört. (Ich schlug mich gar nicht so schlecht!)
Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel ein Moto den Hof verlassen: Vorne eine dicke Maman, hinten Ornélia mit ihrer Kleidertasche. Ich lief noch hinterher, aber da waren sie schon fort. Das erste meiner Kinder, einfach weg, ohne sich zu verabschieden... Ich musste ganz schön schlucken!

Ich lief herum, half Kleidertaschen auf den Kopf zu nehmen und drückte und kitzelte ein letztes Mal, wen ich in die Finger bekam. Schließlich waren fast alle fort und Mémé und Pépé machten sich daran zu fahren. Sie nahmen die letzten drei Kinder, Fofo und Karline mit nach Cotonou. Also standen nur noch Maman und ich im Hoftor und winkten dem Auto hinterher...

  Maman kocht nur für zwei...

PS: Am Abend desselben Tages sind Maman und ich spazieren gegangen. Keine zwei Höfe weiter kräht es hinter uns plötzlich: „Mamaaan!“ . Als wir uns umdrehen, steht da Josephine in ihrem hübschen dunkelgrünen Kleid und grinst schüchtern. Wie aus einem Mund rufen Maman und ich: „Tschosefiniiiii!“, öffnen die Arme und sie springt uns lachend um den Hals. Stolz zeigt sie auf ein Haus, dass man vor lauter Bäumen und Gebüsch kaum sieht, ein bisschen weiter nach Pobè hinein. Da wohnt sie. Wir freuen uns alle drei, dass es nicht weit ist und sie verspricht hoch und heilig, in den Ferien daheim vorbei zu kommen. Dann rennt sie zurück zu den 4 kleinen Jungs, die auf sie warten. Sie ziehen ab, Josephine im langen Kleid stolz vorne weg, die Jungs in dreckigen kurzen Hosen obenohne hinterher. Maman und ich grinsen uns schweigend an. Ein bisschen stolz sind wir ja schon auf unsere Kinder...

 

 

Dienstag, 25.07.2017

Reiseplanung ist was für Weicheier – Teil 2 (Lomé und ganz viel schlechtes Wetter)

Ihr habt euch sicher schon ein bisschen gewundert, warum ich euch aus Lomé schreibe und ob ich nichts Besseres zu tun habe, als im Urlaub Blog zu schreiben… Leider ist das Wetter nicht so einladend, es ist bewölkt und nieselt alle Nase lang. Außerdem ist die Freiwilligen-WG von Katharina, bei der wir untergekommen sind, unglaublich heimelig. Ein bisschen ist es wie Urlaub in Deutschland: Wir sandeln zusammen auf der Sofa-Matraze im Flur, reden, essen Schokolade, trinken Tee, lesen und hören Musik und Abends wird gemeinsam gekocht. (wieder mit unglaublich viel Gemüse. Noch nie haben mich Zucchini so glücklich gemacht!) Morgens spielen wir dann Urlaub in Italien: Wir frühstücken Tomatenbaguette auf der Terrasse…

Natürlich werden wir nicht unseren gesammten Urlaub vergammeln. Gestern waren wir zum Beispiel bei einem historischen „Sklavenschloss“, auch ‚Woold home‘ genannt, in Agbodrafo. Hier hatten die Einheimischen Adjigos unter ihrem Anführer Assiakoley schon relativ früh angefangen mit Sklaven zu handeln. 1835 bauten dann ein paar englische Sklavenhändler ein im Wald verstecktes Haus in Küstennähe, um sich den Handel zu vereinfachen. Oben wohnten die Händler, die Sklaven zwangen sie in den niedrigen Kellergewölben zu hausen. Diese sind kaum eineinhalb Meter hoch, ähnlich den Laderäumen der Schiffe, in denen die armen Gefangenen in die Neue Welt gebracht wurden.
Das Haus steht grundsätzlich noch. Heute ist vom Wald der das Haus früher umgab nichts mehr übrig, auch die Küste ist nicht mehr eineinhalb Kilometer entfernt, sondern nur knappe 300 m. Unter einem großen Baum vor dem langsam vor sich hin verfallendem Haus sitzt ein älterer Herr, der einem für einen horrenden Preis ein paar Allgemeinheiten über Sklavenhandel und das Agbodrafo erzählt – wenn man ein bisschen nachfragt aber tatsächlich sehr viel über das Haus und seine Geschichte weiß. Das ehemalige Wohnzimmer der Sklavenhändler kann man noch betreten, über eine Klappe im Boden kann man in den Keller springen, in dem die Gefangenen eingepfercht wurden. Yari, ich und eine togolesische Familie krabbelten auch tatsächlich ein bisschen da unten herum. Obwohl die Decke in den Nachbarräumen schon nicht mehr intakt ist, also deutlich mehr Licht hereinfällt, als es früher der Fall gewesen sein muss, und wir wenige Menschen waren und ich ja generell nicht soo groß bin, war es schon nach fünf Minuten eher ungemütlich dort unten. Was für eine grausame Vorstellung dort unten lange Zeit eingepfercht zu sein und auf ein ungewisses Schicksal warten zu müssen!

Ein bisschen geschmacklos fand ich allerdings, dass den Hof dieses Hauses mit so viel trauriger Vergangenheit drei Stände mit dem üblichen Touristentrödel dominieren… Wir kauften dann auch keine Ohrringe oder Batikkleidchen, sondern wanderten durch die verlassenen Straßen des kleinen Ständchens (es war ein Sonntag), bis wir zum Lac de Togoville stießen. Kaum ist das Meer außer Sichtweite, liegt vor einem dieser riesige See, an dessen anderem Ende man ganz klein Togoville erkennen kann. Wir waren versucht uns mit Ruderbooten über den See setzen zu lassen und von dort aus heim zu fahren. Aber Aylin musste leider schon wieder zurück nach Cotonou und von Togoville aus fahren dort keine Taxis hin. Also liesen wir es, verabschiedeten Aylin und fuhren heim zu Katharina. Und jetzt warten wir auf gutes Wetter und senden euch ganz liebe Grüße…

Montag, 24.07.2017

Reiseplanung ist was für Weicheier – Teil 1 (Kpalimé und leichte Startschwierigkeiten)

Liebe Grüße aus Togo ! Ich schreibe euch hier aus einer Freiwilligen-WG in Lomé, Togos Hauptstadt. Wie, was Togo, wie bin ich denn da hin gekommen?

Wir hatten im April im Urlaub deutsche Freiwillige aus Togo aufgegabelt und bei uns beherbergt. Natürlich wollten wir uns nicht lumpen lassen und bei ihnen auch mal vorbeischauen. Als wir dann neulich einen Blick in den Kalender warfen, war schon fast keine Zeit mehr, in der wir überhaupt noch die Chance hatten, die Anderen zu treffen. Wir machten also ein Reisedatum aus…
Dann kam Einer nach der Anderen etwas dazwischen und unsere Reisegruppe schrumpfte von acht motivierten Mädels auf Yari und mich. Wir trafen uns also am Dienstagabend in Cotonou, um möglichst früh am Mittwoch über die Grenze zu kommen. Glücklicherweise bat ich Yari, mir irgendwas aus meinem Rucksack mitzubringen, wobei sie auf meinen Reisepass stieß. Da fiel ihr auf: Ihrer liegt ja noch in Porto Novo! (wir sind ganz schön EU-verwöhnt, ich hätte meinen auch fast vergessen).

Also standen wir am Mittwoch planmäßig früh auf und zogen in die falsche Richtung los: Nach Porto Novo um den Pass zu holen. Das Ganze gestaltete sich als Abenteuertrip, denn die (einzige!) Brücke, die Cotonou mit Porto Novo verbindet wird zur Zeit renoviert. Deshalb fahren die Verbindungsbusse nur bis kurz vorher und den Rest muss man selber laufen. Und zwar inmitten von tausenden genervten Zemfahrern, Bauarbeitern, Autos, Polizisten mit Maschinengewehren, Absperrungen und Pflastersteinen. Auf der Fahrt zu ihrem Pass schmiss mich Yari bei der Bohnenfrau vom Zem, damit ich uns beiden ein gutes Frühstück besorgen konnte. Als ich dann nach dem zweiten Marsch im Bus nach Cotonou gemütlich mein Bohnenbaguette verschmauste, war ich mit dem Umweg ganz und gar versöhnt…

Das jähe Glück sollte aber nicht all zu lange anhalten, denn mein neuer Rucksack gab noch bevor wir ein Taxi nach Togo gefunden hatten den Geist auf: Der eine Träger, an dem ich ihn nur kurz in den Bus hieven wollte, riss und meine sieben Sachen landeten im Matsch. Gut, dass ich schon ein bisschen hier bin und ab und an mit dem Baby von nebenan unterwegs bin: Ich nahm einfach mein Schmuddelpanje aus dem Rucksack und band ihn mir auf den Rücken. Das sorgte mindestens bei allen Zem- und Busfahrern für gute Stimmung, alle Nase lang wurde ich nach dem Namen und dem Alter meines ‚Babys‘ gefragt.

Als wir es uns endlich in dem kleinen grünen Bus nach Lomé bequem gemacht hatten, kam dann die zweite unerfreuliche Überraschung: Irgendjemand hatte sich am Vortag den Reiseführer zum Schmökern aus dem Rucksack genommen und vergessen ihn wieder reinzustecken. Da waren wir also im Bus, plan- und reiseführerlos, aber gut drauf.

Wir wussten nur, dass Paula, Emily und Tobi (‚unsere Togolesen‘) in Kpalimé eingesetzt sind und wir da irgendwie unterkommen würden. Also nahmen wir ein Auto dorthin. Mit Hilfe von Paula und einer netten Dame aus dem Taxi fanden wir die Adresse von Emilys Gasteltern heraus. Als wir in Kpalimé ankamen, war es schon längst dunkel – Die Grenze zwischen Togo und Benin ist nämlich gleichzeitig auch die Grenze zwischen zwei Zeitzonen: In Togo ist es immer eine Stunde früher als in Benin und damit geht hier zur Zeit etwa um sechs Uhr Nachmittags schon die Sonne unter. Trotzdem fanden wir noch zwei Motorradtaxis und mit Hilfe der Nachbarn fanden wir zu Emilys Hof. Sie wohnt in einem kleinen Waisenhaus (zur Zeit wohnen dort nur 8 Kinder), gemeinsam mit einer bis zwei anderen Langzeitfreiwilligen und hin und wieder werden die übrigen Zimmer an Urlauber oder Kurzzeitfreiwillige vermietet. Zum Beispiel an uns…

Leider hatte Emily aber vergessen uns anzukündigen und sie selber war auch nicht zu Hause. Als wir auf den Hof tapsten waren also einen Moment alle ziemlich verwirrt. Gottseidank sind die Togolesen aber genauso entspannt wie die Beniner und Emilys Gastschwester stellte sich mit den Worten: „Hallo, ich bin die Nina und ich mach euch jetzt Spaghetti“ vor.
Von der Reise müde genossen wir die Spaghetti (mit so viel Gemüse, wie ich es schon lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen habe!), plauderten am Feuer noch ein bisschen mit Nina, streichelten die beiden süßen Hunde und kippten dann in unsere Betten.

Am nächsten Morgen war Emily schon wieder weg als wir aufstanden. Wir frühstückten, und zogen auf eigene Faust in die Stadt, auf der Suche nach einer togolesischen SIMKarte. Grundsätzlich unterscheiden sich Togo und Benin kaum von einander, aber wir machten uns einen Spaß daraus, jeden noch so kleinen Unterschied zu suchen. Hier eine kleine Auswahl:
Das Straßenbild beninischer und togolesischer Städte unterscheidet sich kaum. Nur ist das Müllproblem in Kpalimé nicht ganz so krass und man findet sogar öffentliche Mülleimer. (die aber auch nur sporadisch benutzt werden) Generell ist die Infrastruktur ein kleines bisschen besser, die Straßen sind weniger löchrig, haben Mittelstreifen und Ampeln und ab und an findet man sogar so etwas wie einen Stadtpark. Die gibt’s in Benin zwar auch, aber sie sind oft weniger grün und gepflegt und werden kaum besucht. Statt der obligatorischen Tomaten-Frau an jeder Ecke findest du zur Zeit in Kpalimé an jeder Ecke eine Avocado-Frau, die oft auch noch Pampelmusen verkauft. Obwohl sich die beiden Länder vom Klima her ja kaum unterscheiden können habe ich in Benin noch nie eine Pampelmuse gesehen. Sehr schade eigentlich… Es gibt viel mehr Rastafari, die gefühlt alle einen Souvenirstand betreiben. Aber vielleicht wohnen auch nur alle Rastakünstler in Kpalimé, denn das ist DER Tourismusort Togos. Deshalb läuft man auch alle Nase lang einem Weißen über den Weg. Die Langzeitfreiwilligen fahren in langen Jeans und Batikkleidern auf dem Fahrrad mit einem Panje-Turnbeutel auf dem Rücken kopfschüttelnd an den Touris und Kurzzeitfreiwilligen vorbei, die in Hotpants mit Sonnenbrillen auf der Nase verwirrt auf dem Markt herumstolpern. Während  meine Schneiderin sich weigert mir kurze Kleider auch wirklich kurz zu machen und man in Porto Novo von fremden Mamans geschimpft wird, wenn man auf dem Zem sitzt und die Knie unter dem Rock hervorsitzen, haben sich die Kpaliméer an die vielen Weißen und ihre Kleidung gewöhnt. Nur die Älteren schauen noch ein bisschen schief, wenn ganz kurze Hosen an ihnen vorbeilaufen – egal ob eine junge Weiße oder eine junge Einheimische drinsteckt. Überhaupt sieht man viel weniger traditionelle Kleidung, eher die alten Frauen tragen noch Panjes. Die jüngeren Frauen tragen zwar noch die schönen bunten Stoffe, aber eher zu hübschen Kleidern geschneidert und viele tragen sogar Hosen. Die Männer tragen nur noch sehr selten traditionelle Stoffe, wenn dann oft nur als Oberteil zur Jeans. Die Stoffe generell sind auch ein bisschen anders. Neben den bunten Mustern, die wir aus Benin kennen gibt es noch ein paar Muster, die man dort nicht findet (die erinnern ein bisschen an Legosteine. Dafür findet man weniger Muster mit Gegenständen, zum Beispiel Schuhen oder Ventilatoren oder Shrimps). Und vor allem gibt es viel mehr Batikstoffe als in Benin und zu viel besseren Preisen.

Ein Panjestand mit lauter schönen Batikstoffen In Togo gibt es auch deutlich mehr deutsche Kooperationen

Es juckte uns also schon sehr in den Fingern auf den Stoffmarkt zu gehen! Aber erst sagten wir endlich Emily hallo, aßen gemeinsam Mittag und zwangen sie, sich den Nachmittag frei zu nehmen. Dann stießen noch eine junge Amerikanerin und eine junge Russin zu uns, die momentan bei einer NGO in Ghana arbeiten und die Emily auf ihrer Ghanareise kennengelernt hatte. Wir fünf trafen uns mit Paula (einer unserer Togolesen) und ihrem Kollegen Elias in der Stadt, stärkten uns mit einem frischen Pampelmusensaft und stürzten uns ins Marktgetümmel…

Ob mit Yari alleine, mit Emily oder den beiden Ghanafreiwilligen und mit Paula und Elias und deren Freunden hatten wir viele schöne Momente in Kpalimé, von denen ich drei mit euch teilen möchte:

Die Suche nach dem Hubschrauberlandeplatz

In Ermangelung eines Reiseführers fragten wir Paulas Mitfreiwillige, was man in Kpalimé so sehenswertes machen könne. Wir entschlossen also mit einem in ein kleines Dorf nebenan zu fahren, das in wunderschöner Natur inmitten von Bergen liegt. Wir flanierten über den Mark, kauften uns Proviant und nahmen eine Straße einen kleinen Berg hoch. Denn dort sollte irgendwo die Villa des togolesischen Präsidenten liegen, von dessen Hubschrauberlandeplatz man eine super Aussicht haben sollte… Wir wanderten gemütlich, genossen die schwache Sonne, begegneten ein paar lustigen Togolesen und genossen die Natur. Ich wusste gar nicht, dass ich Berge mag, aber immer wenn ich hier nicht im Flachland bin, gehen mir unsere Alpen schon ab! Als wir allmählich wieder bergab gingen und auf das nächste Dorf stießen, machten wir es uns im Unterholz bequem, aßen zu mittag und gaben es auf den Flugplatz zu finden… Natürlich stolperten wir am Rückweg praktisch drüber. Aber die Wanderung hat sich eigentlich auch mehr gelohnt als es der Ausblick alleine getan hätte!

Am Markt von Agu: Wer erkennt die Fahne? beim Wandern.... Ja, es ging bergauf, siehr man das nicht? Nicht nur wir waren unterwegs... ...und machten Fotos von uns... Die Landschaft um uns herum war superschön (ja, da war's auch recht flach) Die Oma wollte mit uns Fotos machen... Nur leider sprachen wir nicht dieselbe Sprache In unserer edlen Raststätte... ...machten wir es uns bequem...  ...und aßen unseren Reis.

Endlich, der Hubschrauberlandeplatz! und einunhalb Anuschka  was eine Aussicht!

 

Reggae!

Paula tanzt seit Anfang des Jahres in einer Gruppe Rastas in einer traditionellen Tanzgruppe mit. Sie proben immer Freitagabends in einer Raeggebar in Kpalimé und da wir praktischerweise am Freitagabend da waren, lud sie uns ein mitzukommen. Zum Aufwärmen wird gesungen und getrommelt, dass man es schon einige Meter vor der Bar hört. Wir kamen etwas zu spät, also sang die Gruppe schon: Eine Gruppe muskulöse junge Rastafari, alle ein bisschen größer als der Durchschnittsbeniner stand im Kreis, sang super schön und mehrstimmig, begleitete sich selbst auf kleinen Trommeln, Rasseln und Glocken und tanzte schon ein kleines bisschen im Takt mit – und auf Schulterhöhe, neben muskulösen schwarzen Oberarmen wippte Paulas blonder Pferdeschwanz…
Oft sind die Versuche weißer Besucher in solchen Gruppen mitzutanzen ja einfach nur peinlich. Paula dagegen tanzt klasse, jetzt verstehe ich warum die Rasta-Jungs sie sogar auf Auftritten mittanzen lassen. Nachdem sie aufgewärmt waren und eine Reihe Tänze wiederholt hatten, probten sie eine Art Theaterstück mit Tanzeinlagen für ein Festival. Es geht um ein paar Jugendliche, die versuchen mehr über die Geschichte Togos herauszufinden. Ihre Maman bringt sie dann zum Dorfältesten, der ihnen alte Geschichten erzählt, die dann getanzt und besungen werden. Als einzige Frau in der Gruppe, spielt Paula die Mutter. Es ist ein unbeschreiblich süßer Anblick, wenn ein großer Rastafari sich von der kleinen blonden Paula an der Hand nehmen lässt und sie „Mama“ nennt! Aber nicht nur davon, sondern auch vom Stück an sich und den Tänzen und der Musik waren Yari und ich begeistert. Wirklich schade, dass ich das fertige Stück nicht sehen werde… Und natürlich auch schade für euch, dass die Tänze weder auf Bildern noch in Videos ihre ganze Kraft entfalten!

Paula tanzt mit! Tänzer fotografieren ist nicht sooo einfach...

 

Kpilé

Um Kpalimé herum gibt es etwa 10 kleinere und größere Wasserfälle. Die anderen FSJler rieten uns, nach Kpilé zu fahren. Beim Frühstück beschlossen Camille und Lilijana (die beiden anderen Gäste in unserem Hof) spontan uns zu begleiten. Außerdem war eine weitere Freundin von uns, Aylin (eine Deutsche Studentin, die in Cotonou ein Praktikum macht), inzwischen auch in Kpalimé angekommen. Wir fünf schnappten uns also unsere Bikinis und drei Zems und los gings. Ich habe in Benin ja schon zwei Wasserfälle gesehen und in den dazugehörigen Seen gebadet. Beide waren wunderschön aber nicht zu vergleichen mit der Naturgewalt, die der Wassefall von Kpilé ist! Das Wasser fällt direkt von der Bergkuppe ziemlich gerade runter, Yari schätzt es sind etwa 50 Meter (denn ich kann ja bekanntlich Längen nicht einschätzen). Schon vom Dorf aus kann man die beiden Hauptwasserströme erkennen. Das Gefühl das man hat, wenn später direkt am Fels steht und nach oben Blickt lässt sich eigentlich kaum beschreiben…

Aber weil ich bekanntlich auch nicht einfach den Mund halten kann versuch ich’s doch ;) Es gibt nicht so richtig einen See, sondern das Wasser ist relativ flach und läuft in einem Fluss weiter. Dadurch, dass der Fall nicht in einem tiefen See mündet spritzt er unglaublich. Schon ein ganzes Stück vorher spürt man die Feuchtigkeit in der Luft, je näher man kommt, desto nasser wird man. Wenn man daneben steht ist die ganze Luft voller Wasser, um deine Füße gurgelt die Strömung, alles ist Grün, es ist wunderschön und ungeheuer beeindruckend, aber fast schon unrealistisch… Ein bisschen fühlt man sich wie in Avatar ;P

Leider wollte ich meinen Fotoapperat nicht mit zum Wasser nehmen, aus Angst er würde kaputt gehen und der Togolese, der sein Handy dabei hatte, ist später verschwunden, ohne uns seine Handynummer zu geben. Ein paar Bilder haben wir aber mit Camilles GoPro gemacht, auf denen ihr hoffentlich ein bisschen nachfühlen könnt, wie unglaublich Kpilé war!

  Man sieht den Wasserfall schon vom Dorf aus... und auch die Berge rund herum sind beeindruckend! Schon die So richtig baden kann man nicht, aber ein bisschen im Wasser herumkraxeln  Am beeindruckensten ist der Blick aus den Wasserstrudeln nach Oben!

Und dann nahmen Yari, Aylin und ich auch schon Abschied von Kpalimé und machten uns auf in die Hauptstadt Lomé…

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